Späte Erfüllung - warum ein fragwürdiger Brief von 1936 mich in meiner Arbeit bestärkt

"Sehr geehrte Frau Frick, wir können Ihnen mitteilen, dass die Nachforschungen zu Ihrem Großvater abgeschlossen sind." - so begann ein Brief, den mir das Bundesarchiv im Juni diesen Jahres schickte. Recherchiert werden konnten eine umfangreiche Akte der Reichskulturkammer sowie eine Parteikorrespondenz kleineren Umfangs.

Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn eine längst vergangene Geschichte, ja, eine, die das Leben schon "zu Ende geschrieben hat", sich plötzlich in der Gegenwart weiterspinnt. Als würden sich plötzlich Türen öffnen, von deren Existenz man bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wusste.

Mein Opa ist seit 75 Jahren tot, mein Urgroßvater schon seit 87 Jahren - und den hier abgedruckten Brief (die Bilder sind durch Klick vergrößerbar) hat mein Opa vor ziemlich genau 80 Jahren geschrieben, datiert auf den Tag seiner Hochzeit.


Er wendet sich an einen Mann, der später zu Hitlers engstem Kreis zählen wird (wenngleich dieser ihn 1943 entmachtet), dem die "Abteilung Volksgesundheit" untersteht und der schon Anfang der 1930er Jahre - damals noch Minister in Thüringen - jüdischen Musikern die Bühne verboten hat. Aber er wendet sich eben vor allem an einen der wichtigsten Politiker seiner Zeit, der seinen Namen trägt - oder um es aus der Perspektive meines Opas zu formulieren: an einen, dessen Namen er trägt.

 

Ich weiß aus mehreren Quellen, dass mein Opa kein überzeugter Nationalsozialist war. Er war Mitglied der NSDAP, doch wer war das nicht? Am 1. Mai 1933 trat er gemeinsam mit seiner späteren Frau, meiner Oma Luise, in die Partei ein, weil er genau wusste, dass er sonst beruflich nicht die geringsten Chance würde haben werden. Doch schon 1934 schreibt er in einem Brief an seine Mutter von Opern, die willkürlich abgesetzt werden und von einem "fanatischen Parteigeist, gegen den man nicht ankommt, ohne dabei zu verlieren". Was da geschehe, sei nicht immer im Sinne eines Dritten Reiches, "und sollte das doch der Fall sein, dann gute Nacht, deutsche Kultur!".


Und dennoch: Walter schreibt dem Reichsinnenminister Wilhelm Frick, weil er stolz darauf ist, herausgefunden zu haben, dass er um gefühlte zehn Ecken mit ihm verwandt ist. Und die Art, wie er das schreibt, ist anrührend, ja, beinahe komisch. Er habe bei der Erstellung seines Stammbaumes für die anstehende Heirat eine Entdeckung gemacht, auf die er sehr stolz sei, "und zwar um der Tatsache selbst willen, dann aber auch weil ich sie aufdecken konnte, nämlich: daß der Schreiber dieser Zeilen mütterlicherseits mit Herrn Reichsminister Pg. Dr. Wilhelm Frick verwandt ist".

 

Als ich selbst vor einigen Jahren zum ersten Mal auf jene Stammbäume stieß, war ich fasziniert, und es sollte wiederum Jahre dauern, bis ich die Zusammenhänge vollständig begriff. Doch bis zum gestrigen Tage dachte ich, dass diese Stammbäume das Werk von Walters Schwester Hedwig seien, da sie zum einen auch einen Ahnenpass benötigte und zum anderen die Ältere und definitiv die Forschere von beiden war. Doch faktisch heirateten die Geschwister im gleichen Jahr - Walter bereits im August und Hedwig im Dezember 1936.

 

Es war ein seltsames Gefühl, diesen Brief zu lesen. Und doch könnte ich keinem der Fricks einen Vorwurf machen, denn sie konnten schließlich nicht in die Zukunft schauen. Die meisten, so glaube ich, hätten es ihnen gleich getan.

 

Doch der Anlass, diesen Brief hier überhaupt zu behandeln, ist eigentlich ein ganz anderer. "Mein Vater, Hauptlehrer Hugo Frick, gest. am 20.12.1929 [...] hatte schon während des Krieges eine ausgiebige Familienforschung angestellt", schreibt Walter. "Alles zu einer großen, geschlossenen Familiengeschichte zusammenzuordnen und zurechtzuformen, war einer seiner sehnlichsten Wünsche. Wegen Erkrankung und Tod blieb die Arbeit unvollendet. [...] Da ich beabsichtige mich demnächst mit Frl. Luise Frölich aus Kaiserslautern, Opernsängerin am Stadttheater Rostock zu verheiraten, [...] war es nötig um den arischen Nachweis erbringen zu können, daß ich mich selbst mit dem gesammelten Material befaßte. [...] Da mich die Arbeit selbst immer mehr interessierte, führte ich den ganzen Stammbaum auch noch bis zur Gegenwart durch 3 Stammtafeln aus."


Ich bin also nicht die erste in meiner Familie, die sich aus privatem Interesse heraus mit Genealogie befasst! Sowohl mein Urgroßvater als auch mein Opa Walter waren dieser Faszination erlegen - der eine, weil er Volkskundler war (auch da bin ich also nicht die erste), der andere, weil er aus der Not eine Tugend machte.

Mein Opa Walter Frick wurde 1941 in einer Nervenheilanstalt bei Berlin ermordet. Seine zwei Kinder konnten sich nicht mit der Familiengeschichte beschäftigen, denn schon die Frage nach dem eigenen Vater wurde im Keim erstickt. Wir sind insgesamt fünf Enkel und warum ausgerechnet ich diejenige bin, die in die Fußstapfen von Urgroßvater und Großvater getreten ist, weiß ich nicht. Aber als ich die obigen Sätze las, wurde mir endgültig klar: Ganz egal, warum ich es bin, die die Familienforschung weiterführt - ich werde den Wunsch meines Urgroßvaters erfüllen und alles zu einer großen, geschlossenen Familiengeschichte zusammenordnen und zurechtformen. Und wer weiß - vielleicht werden meine (Ur)Enkel diesen Faden ja auch eines Tages aufnehmen ... ;-).

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