"Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." - George Santayana

NS-'Euthanasie' - Die Krankenmorde im Dritten Reich

Während Auschwitz oder Bergen-Belsen mittlerweile regelrecht zu Synonymen für den Holocaust geworden sind, stoßen Hadamar, Grafeneck oder Hartheim häufig noch immer auf fragende Gesichter. Zusammen mit Bernburg, Brandenburg und Pirna stehen jene Orte für einen weiteren Massenmord der Nazizeit, der seinesgleichen in der Weltgeschichte vergeblich sucht: für den Mord an Hunderttausenden behinderten und/oder psychisch kranken Menschen jeden Alters, an Zwangsarbeitern, Bombengeschädigten und später sogar verwundeten Soldaten.

 

Die Vernichtung lebensunwerten Lebens

Als Krankenmorde oder NS-‚Euthanasie‘ bezeichnet, brachte dieses organisierte Vernichtungsprogramm der Nationalsozialisten zwischen 1940 und 1945 etwa 300.000 Menschen den Tod. Denn das Leben unheilbar kranker Menschen galt unter den damals propagierten Gesichtspunkten der Eugenik als lebensunwert und war somit zur Vernichtung freigegeben (vgl. Binding/Hoche 1920).

Diese zutiefst menschenverachtende Haltung war jedoch keine Erfindung der Nationalsozialisten – ihre Wurzeln reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Angefangen bei Charles Darwins natürlicher Auslese brauten ‚Wissenschaftler‘ aus eugenischem und rassenideologischem Gedankengut einen gefährlichen Cocktail, dessen erster Höhepunkt das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 bildete. Mit der Vervollkommnung der deutschen Rasse (vgl. Schallmayer oder Haeckel) als Ziel wurden so bis 1945 etwa 400.000 Menschen zwangssterilisiert – zahlreiche starben bei den Eingriffen oder an deren Folgen. Was der Jurist Karl Binding und der Mediziner Alfred Hoche bereits 1920 mit ihrem Werk „Die Freigabe zur Vernichtung lebensunwerten Lebens“ postuliert hatten, wurde nun grausame Realität: die Züchtung gesunder Menschen – und das Ausmerzen der Kranken.

 

Der Tod als Erlösung und die Nutzlosigkeit kranker Menschen

Während der Begriff Euthanasie heutzutage vor allem in Bezug auf Sterbehilfe Verwendung findet, wurde er bereits im 3. Reich als beschönigende Umschreibung für den Krankenmord benutzt. Denn Euthanasie kommt aus dem Griechischen und bedeutet zu Deutsch so viel wie ‚schöner Tod‘.

War ein Leben erst einmal als lebensunwert deklariert, die betreffende Person für idiotisch, schwachsinnig oder geistig tot (vgl. Binding/Hoche 1920)  befunden, galt der gezielt herbeigeführte Tod als Erlösung. Man befreie hierbei schließlich nicht nur die Kranken selbst, sondern auch deren Angehörige – und nicht zuletzt den Staat! – von einer schweren Last.

In einer Zeit, in der es allgemeines Gedankengut war, dass ein Mensch mehr oder weniger wert sei als ein anderer, in der noch niemand davon sprach, dass die Würde des Menschen unantastbar sei und in der man Ethnien in niedrigere und höhere Klassen einteilte – in einer solchen Zeit fielen derartig unmenschliche Ansichten auf fruchtbaren Boden.

Neben dem Argument der Erlösung – das immerhin den Anschein von Humanität hatte – stand jedoch ein weiteres, wesentlich pragmatischeres: der nicht vorhandene Nutzen kranker (also aus damaliger Sicht arbeitsunfähiger) Menschen für die Gesellschaft. In haarstäubenden Hochrechnungen stellte man die Kosten für Anstalten zur Idiotenpflege (vgl. Binding/Hoche 1920) denen für den Wohnungsbau für gesunde Menschen gegenüber, propagierte überall den drohenden Verfall der deutschen Rasse.

 

Die ‚Aktion T4‘ 1940-1941

Als nutzlose Esser oder Ballastexistenzen (ebd.) bezeichnet, wurden zwischen 1940 und 1941 ca. 70.000 Patienten systematisch ermordet. Diese erste Mordphase ist auch unter dem Kürzel Aktion T4 bekannt, da ihre Zentrale in der Berliner Tiergartenstraße 4 ihren Sitz hatte. Dort wurde anhand von Krankenakten entschieden, wer noch arbeitsfähig war und wer nicht. Bei letzteren setzten die Ärzte ein Plus in ein extra dafür vorgesehenes Kästchen des Dokuments – das Todesurteil.

Mit Bussen der sogenannten GeKraT (‚Gemeinnützige Krankentransport GmbH‘) wurden die Patienten dann – im Glauben, sie würden lediglich in eine andere Klinik verlegt – in speziell für diesen Zweck umgebaute Tötungsanstalten gebracht und in der Regel noch am selben Tag mit  Kohlenmonoxid vergast.

 

Die dezentrale Phase 1941-1945

Dieses systematische Töten endete im August 1941 abrupt. Die Gründe hierfür sind vielfältig, großen Einfluss hatte aber ein Münsteraner Bischof, der die Morde in seinen Predigten thematisierte (vgl. Aly 2013). Doch dies war nicht das Ende der NS-‚Euthanasie‘ – von nun an wurde dezentral gemordet. Ärzte und Pflegepersonal töteten in dieser zweiten Mordphase die Patienten entweder durch tödliche Injektionen oder durch absichtliches Verhungernlassen direkt vor Ort.


Dieser Text soll lediglich eine knappe Zusammenfassung zur ersten Information darstellen und erhebt in keinster Weise den Anspruch auf Vollständigkeit.

Eine detaillierte Darstellung der nationalsozialistischen Krankenmorde, der Zeit davor und des Umgangs mit diesen Verbrechen nach 1945 finden Sie -->hier<--, beim virtuellen Gedenkort T4.