Spaziergang zu einem vergessenen Ort: Der Gedenkort "Alter Anstaltsfriedhof" in Berlin-Reinickendorf

Es geht bereits auf 20 Uhr zu, als ich an einem schwül-warmen Abend im Juni am Rathaus Berlin-Reinickendorf aus dem Bus steige. Ruth Orland wartet schon auf mich, entspannt sitzt sie im Haltestellenhäuschen. Ich bin zu spät, weil ein Bus ausgefallen ist. "Das ist Berlin", sagt sie nur und grinst. Unser Treffen ist schon lange angedacht gewesen, und wir beide sind froh, dass es nun endlich klappt. Denn, was Ruth mir zeigen möchte, liegt ihr sehr am Herzen – und mir auch. 

 

Seit den späten 1980er Jahren setzt sich ihre Mutter, die Pfarrerin Irmela Orland, unermüdlich dafür ein, dass die Reinickendorfer bzw. Wittenauer Opfer der NS-„Euthanasie“ nicht vergessen werden, dass die diesbezügliche Geschichte des Ortes aufgearbeitet und sichtbar wird. 2006 stieg Ruth mit in die Initiative ihrer Mutter ein, zusammen riefen sie im Sommer 2014 den Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof ins Leben. Der Hintergrund des Engagements von Mutter und Tochter: Zwischen 1933 und 1945 wurden in den damaligen Wittenauer Heilstätten Tausende von Menschen Opfer von Zwangssterilisation und Patientenmorden. In der sogenannten „Kinderfachabteilung Wiesengrund“ wurden zudem Kinder gequält und ermordet. Und dort beginnt auch unser Weg an diesem Abend. 

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Das Schweigen brechen - Interviews mit Nachfahren von NS-'Euthanasie'-Opfern

Immer mehr Angehörige von Menschen, die zwischen 1939 und 1945 Opfer der NS-'Euthanasie'-Morde wurden, stellen Fragen, beginnen zu recherchieren, machen sich auf die Suche nach Antworten: Was ist mit meiner Großmutter, meinem Onkel, meiner Großtante geschehen? Nicht selten spüren sie - manche ganz plötzlich, andere schon ihr Leben lang -, dass etwas in der Familienhistorie nicht stimmig ist. Manche von ihnen stecken selbst in einer Lebenskrise oder haben eine ebensolche überwunden. Andere finden nach dem Tod eines Elternteils Dokumente, von denen über Jahrzehnte hinweg niemand etwas wusste oder wissen wollte.

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Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk

Es gibt sie, diese Momente, in denen ich altbekannte Dinge - auf einmal und ohne logische Erklärung - mit anderen Augen sehe. Und so schweifte mein Blick in diesem Jahr am 2. Weihnachtstag nach dem Abendessen durch das Wohnzimmer meiner Eltern, während ich den Gesprächen lauschte, und blieb an dem alten Schaukasten mit den Taschenuhren hängen.

Er hängt dort, seit ich denken kann. Hinter der Glasscheibe mit dem ovalen Holzrahmen befinden sich fünf alte Taschenuhren auf dunkelrotem Samt. Woher sie stammen, wem sie einmal gehörten – Fragen wie diese hatte ich mir bis zu jener Sekunde nie gestellt. Und ich würde sie mir wohl auch weiterhin nicht stellen müssen, zumindest was eine von ihnen anging. Denn mit einem Mal war ich mir sicher, dass eine dieser Uhren meinem Opa Walter gehört hatte. Sekundenlang starrte ich auf den Kasten und meine Fingerspitzen begannen zu kribbeln.

 

Als der Essenstisch abgeräumt war, ging ich zielstrebig auf den Kasten zu und nahm ihn von der Wand. Nacheinander holte ich die Uhren heraus und öffnete sie vorsichtig. Dabei wusste ich genau, was ich suchte: Gravuren, Initialen, Inschriften. Denn mein Opa hatte die dankenswerte Eigenschaft, einige seiner liebsten Dinge mit seinem Namen zu versehen.

 

Und tatsächlich, ich sollte nicht enttäuscht werden. Die letzte Uhr offenbarte mir die folgenden Zeilen:

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Sonderausgabe: aus taz.dietageszeitung wurde taz.mitbehinderung!

Gestern lag in den Läden und Briefkästen eine ganz besondere Ausgabe der Tageszeitung taz - die taz.mitbehinderung! Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember wurde die taz im Rahmen einer freundlichen Übernahme ausschließlich von Autor_innen mit Behinderungen, psychischen oder geistigen Einschränkungen und chronischen Erkrankungen gestaltet! Ich bin stolz und glücklich, ein Teil dieser Community sein zu dürfen und kann Ihnen hier nun meinen Artikel präsentieren. Denn auch die Aufarbeitung der NS-'Euthanasie' ist ein hochaktuelles Thema und geht uns alle etwas an. 

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Walter Frick | Armin Beilhack - NS-'Euthanasie' und innerfamiliäre Verstrickungen

Es gibt viele Bücher von Kriegskindern und über Kriegskinder, solche über Kriegsenkel. Diese Begriffe sind schwammig, suggerieren sie doch ein zeitliches Raster, das so eindeutig gar nicht existiert. Kriegsenkel, so lese ich – Jahrgang 1990 – oft, wurden zwischen 1965 und 1975 geboren. Die inhaltlichen Rollen aber werden dann umso klarer verteilt und benannt. Da ist von Täterfamilien und Opferfamilien die Rede, von Widerständlern. Seltener begegnen uns diejenigen, die wir heute als Mitläufer bezeichnen. Die Farblosen, die Feigen, die ihren eigenen Hals retten wollten. Und dann ist es an uns. Während der wissenschaftliche Teil ans Analysieren macht, stellt sich der persönliche Teil die unausweichliche Frage: Wer wäre ich gewesen?

 

Ganz in diesem Rollendenken suchte ich nach Literatur für diesen Vortrag. Der thematische Hintergrund ist auf den ersten Blick kompliziert: Ich bin eine Kriegsenkelin, die das Alter einer Kriegsurenkelin hat, und deren Großonkel den Großvater in eine Nervenheilanstalt eingewiesen hat, in der er fünf Monate später „verstarb“. Und als ob das nicht genug wäre, spielt auch noch die Verwandtschaft mit einem ranghohen Nationalsozialisten eine Rolle, von der nach 45 keiner mehr sprach.

 

Nun, ich mache es kurz: Ich habe kein geeignetes Buch gefunden. Das bestärkt mich nun zum einen, mein eigenes endlich fertig zu stellen. Und zum anderen hat mir diese Erkenntnis geholfen, Position zu beziehen und Rollenzuweisungen kritisch zu betrachten. Denn bei Tätern, Opfern, Widerständlern und Mitläufern handelt es sich um Rollen, deren Inhaber alle eines gemeinsam haben: Sie waren Menschen, und Menschsein ist keine Rolle. Dass wir Rollen annehmen und Identitäten bilden, steht außer Frage. Doch in dem Moment, in dem wir die Rolle abstrahieren und zu sehr losgelöst vom dazugehörigen Menschen analysieren und thematisieren, laufen wir Gefahr, eine zu große Distanz aufzubauen. Und gerade die Erforschung der eigenen Familiengeschichte verlangt eine ständige Gratwanderung zwischen Subjektivität und Objektivität, zwischen Nähe und Distanz. Dies ist – zumindest in meinem Fall – keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern die Schlussfolgerung eigener Erfahrungen.

 

Eine einfache wie gängige Methode, die personelle Zusammensetzung einer Familie aufzuzeigen, ist der Stammbaum. Tatsächlich besitze ich eine ganze Kiste mit Stammbäumen [...]. 

 

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Spaziergang zu einem vergessenen Ort: Der Gedenkort "Alter Anstaltsfriedhof" in Berlin-Reinickendorf

Es geht bereits auf 20 Uhr zu, als ich an einem schwül-warmen Abend im Juni am Rathaus Berlin-Reinickendorf aus dem Bus steige. Ruth Orland wartet schon auf mich, entspannt sitzt sie im Haltestellenhäuschen. Ich bin zu spät, weil ein Bus ausgefallen ist. "Das ist Berlin", sagt sie nur und grinst. Unser Treffen ist schon lange angedacht gewesen, und wir beide sind froh, dass es nun endlich klappt. Denn, was Ruth mir zeigen möchte, liegt ihr sehr am Herzen – und mir auch. 

 

Seit den späten 1980er Jahren setzt sich ihre Mutter, die Pfarrerin Irmela Orland, unermüdlich dafür ein, dass die Reinickendorfer bzw. Wittenauer Opfer der NS-„Euthanasie“ nicht vergessen werden, dass die diesbezügliche Geschichte des Ortes aufgearbeitet und sichtbar wird. 2006 stieg Ruth mit in die Initiative ihrer Mutter ein, zusammen riefen sie im Sommer 2014 den Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof ins Leben. Der Hintergrund des Engagements von Mutter und Tochter: Zwischen 1933 und 1945 wurden in den damaligen Wittenauer Heilstätten Tausende von Menschen Opfer von Zwangssterilisation und Patientenmorden. In der sogenannten „Kinderfachabteilung Wiesengrund“ wurden zudem Kinder gequält und ermordet. Und dort beginnt auch unser Weg an diesem Abend. 

Früher Mordanstalt, heute Bezirksamt. (Foto: J. Frick)
Früher Mordanstalt, heute Bezirksamt. (Foto: J. Frick)

In den beiden historischen Gebäuden direkt gegenüber des Rathauses, in denen im Dritten Reich eine von zahlreichen „Kinderfachabteilungen“ war, befindet sich heute ein Teil des Bezirksamts Berlin-Reinickendorf. Auch lange nach 1945, erzählt mir Ruth, wurde dort noch eine psychiatrische Klinik betrieben. Seit 2013 befindet sich im Keller des einen Gebäudes ein „Geschichtslabor“, in dem Schulklassen zum Thema NS-„Euthanasie“ arbeiten können.

Vor den Häusern sind an zwei verschiedenen Stellen insgesamt sieben Stolpersteine in den Gehweg eingelassen. Sie erinnern an Paul Höhlmann (1927-42), Werner Burthz (1929-42), Dagmar Ullrich (1941-43) und Erich Korepka (1941-43), an Sigrid Röhling (1941-43), Manfred Röglin (1941-43) und Dieter Ziegler (1940-43). 

Stolpersteine erinnern an ermordete Kinder. Außerdem ist an einem der Gebäude eine Gedenkplatte angebracht (Fotos per Klick vergrößerbar). (Fotos: J. Frick)
Stolpersteine erinnern an ermordete Kinder. Außerdem ist an einem der Gebäude eine Gedenkplatte angebracht (Fotos per Klick vergrößerbar). (Fotos: J. Frick)

Wir kehren um und laufen in Richtung der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Als wir uns am Hintereingang des Klinikgeländes befinden, sagt Ruth: „Hier frage ich dann immer die Leute, ob sie mir sagen können, wo der Friedhof ist“, und ich ahne, worauf sie hinaus will. Auf dem Lageplan der Klinik ist weder ein Friedhof verzeichnet, noch findet sich ein Hinweis zur Ausstellung „totgeschwiegen“, die sich in einem der Häuser auf dem Gelände befindet. 

Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof? Fehlanzeige. (Foto: J. Frick)
Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof? Fehlanzeige. (Foto: J. Frick)

Während wir im Dämmerlicht das Gelände betreten, erzählt mir Ruth, dass in den Wittenauer Heilstätten damals insgesamt 4.607 Patienten gestorben seien. Und jetzt, sagt sie, stünden die Gebäude zum Großteil leer, da der Träger der Klinik das alles in drei Jahren eh verkaufe.

"Hier, das war das Direktorenwohnhaus", sagt Ruth und zeigt auf einen massiven Klinkerbau. "Schön mit Blick auf die Trauerhalle", ergänzt sie trocken. Die Trauerhalle, so stellt sich heraus, ist das stattliche Gebäude rechts davon, dessen Portal bereits von Moos und Efeu eingenommen ist und das in diesem Zustand ebenso gut Schauplatz eines gotischen Schauerromans hätte sein können.

 

Überhaupt ist hier alles verwuchert, fällt mir plötzlich auf. Es herrscht eine seltsame Stimmung auf diesem Gelände, nicht nur, weil wir uns erst gegen 20 Uhr verabredet haben. Wären da nicht die vereinzelt parkenden Autos und hin und wieder ein Spaziergänger mit Hund, könnte man meinen, das Areal sei seit Jahren nicht betreten worden. Als ich erschrocken ein Schild bemerke, auf dem etwas von „Fotografieren verboten“ und „Videoüberwachung“ steht, schaut mich Ruth nur gelassen an. Ich könne unbesorgt sein, hier sei fast niemand mehr. "Das Pförtnerhäuschen", sagt sie, "ist seit 25 Jahren leer". Und auch ich realisiere langsam, dass hier niemand mehr auch nur irgendetwas überwacht - bis auf den Maßregelvollzug. Die meisten anderen Gebäude scheinen wirklich leer zu stehen.

Nur weiter hinten, in den sogenannten "Sternenhäusern", in unmittelbarer Nähe zum alten Anstaltsfriedhof, fährt Ruth fort als wir weiterlaufen, da seien Geflüchtete untergebracht. Und die würden sich immer freuen, wenn mal jemand vorbeikäme. Was sie vermutlich nicht wissen: Eines der Häuser, in dem sie Zuflucht finden konnten, ist noch immer nach einem „Euthanasie“-Arzt benannt.

 

"So, das ist der Friedhof", sagt Ruth schließlich und bleibt stehen. Sie schaut mich herausfordernd an, kann sich ein bitteres Schmunzeln nicht verkneifen. Auch ich halte an und schaue mich um. Rechts von uns grenzen kleine Gärten an das Klinikgelände, jemand grillt, eine Singdrossel macht sich lautstark bemerkbar. Gerade haben wir das Gebäude passiert, in dem die Geflüchteten leben, ein paar Kinder spielen dort noch an diesem lauen Sommerabend. Vor uns liegt ein Trampelpfad, der in ein dichtes Waldstück hineinführt. Das soll der Friedhof sein? 

Wirklich nur ein einsamer Trampelpfad im Wald? (Foto: J. Frick)
Wirklich nur ein einsamer Trampelpfad im Wald? (Foto: J. Frick)

"Siehst du", sagt Ruth und holt eine Kopie des Lageplans hervor, "wir sind jetzt da auf diesem Dreieck, das fehlt". Und sie zeigt auf die linke untere Ecke des Plans, in der es tatsächlich so aussieht, als habe man einfach einen Teil abgeschnitten.

Dann weist sie mich auf die Mauerreste links und rechts hin, und beginnt, mit dem Fuß auf dem Boden liegendes Laub zur Seite zu schieben. "Und hier", sagt sie fast ein wenig stolz, "sind die Verankerungen des ehemaligen Friedhofstores".

Ruth ist im Übrigen gelernte Friedhofsgärtnerin. Und mit jeder Minute, in der sie mir von der bewegten Geschichte dieses Ortes erzählt, werde ich mir sicherer: Das hier, das ist genau ihre Aufgabe. 

Erst, wenn man genauer hinsieht, erkennt man die alten Friedhofsmauern und die Reste des Portals (Fotos durch Klick vergrößerbar). (Fotos: J. Frick)
Erst, wenn man genauer hinsieht, erkennt man die alten Friedhofsmauern und die Reste des Portals (Fotos durch Klick vergrößerbar). (Fotos: J. Frick)

Es muss jetzt fast 21 Uhr sein, und langsam wird es dunkler. "Ich hoffe, du hast keine Angst?", vergewissert sich Ruth. Ich kann sie beruhigen. Angst habe ich wirklich keine. Aber mit jedem Schritt, den wir nun in den Wald hineingehen, wird das ganze Szenario unwirklicher, bedrückender. "Mindestens 2.000 Menschen liegen hier begraben", erzählt mir Ruth, als wir langsam den Pfad entlanggehen. Der Friedhof sei zu Beginn der NS-„Krankenmorde“ in mehrere Bereiche gegliedert worden - die linke Seite, so vermutet man, ist eine Reihe von Massengräbern. Ein Zeitzeuge, so Ruth, habe sich an Schilder erinnert, die die Jahre markierten: 1939, 1940, 1941... 

 

Eine der Patientinnen, die in den Wittenauer Heilstätten ermordet wurden, ist Else Gidius. Ihr Sohn, Paul Gidius, kommt noch immer regelmäßig aus seiner Wahlheimat Mannheim angereist, um seiner Mutter zu gedenken. Wie sie genau zu Tode kam, kann er bis heute nur vermuten. In einem Artikel der Reinickendorfer Allgemeine sagt Gidius: „Es hieß, als die Russen am 24. April 1945 die Wittenauer Heilstätten erreichten, herrschte dort das blanke Chaos, fehlte es an Essen, waren die Patienten durch gezielt reduzierte Nahrungsrationen tödlich geschwächt, ihnen teils Todesspritzen verabreicht worden“. So habe es jedenfalls ein Friedhofsarbeiter seinem Vater berichtet, als dieser 1947 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt sei.

 

Geschichten wie diese zeigen, dass es auch heute noch Menschen gibt, für die der Ort eine Bedeutung hat. Der alte Anstaltsfriedhof der ehemaligen Wittenauer Heilstätten, das wird mir hier klar, sollte ein Ort der würdevollen Trauer und des Gedenkens, ein Ort der historischen Bildung sein. Denn er ist das, was man einen authentischen Ort nennt. Doch die Zukunft des verwilderten Geländes ist ungewiss.

Links und rechts des Friedhofs befinden sich Reihenhausgärten, die teilweise von den Bewohnern über die Grundstücksgrenzen hinaus genutzt werden. Ob sie wissen, wo das Trampolin ihrer Kinder steht? Ein Gedanke, der es flau werden lässt in meiner Magengegend.

Als wir den Haupteingang des Klinikgeländes erreichen, geht gerade die Straßenbeleuchtung an und taucht die verlassenen Wege in schummriges Licht. Vor uns liegt Berlin an einem Sommerabend. Und hinter uns liegt ein Abendspaziergang, den ich so schnell nicht vergessen werde. Ein Spaziergang zu einem vergessenen Ort. 

Auch am Haupteingang der Klinik findet man Stolpersteine und eine Gedenkplatte. Klara Amelie Fergue, Marie Albrecht, Martha Heinz und Johann Puchomirski sind vier von über 2.000 Patienten, die in Meseritz-Obrawalde ermordet wurden. (Fotos: J. Frick)
Auch am Haupteingang der Klinik findet man Stolpersteine und eine Gedenkplatte. Klara Amelie Fergue, Marie Albrecht, Martha Heinz und Johann Puchomirski sind vier von über 2.000 Patienten, die in Meseritz-Obrawalde ermordet wurden. (Fotos: J. Frick)

Das Schweigen brechen - Interviews mit Nachfahren von NS-'Euthanasie'-Opfern

Immer mehr Angehörige von Menschen, die zwischen 1939 und 1945 Opfer der NS-'Euthanasie'-Morde wurden, stellen Fragen, beginnen zu recherchieren, machen sich auf die Suche nach Antworten: Was ist mit meiner Großmutter, meinem Onkel, meiner Großtante geschehen? Nicht selten spüren sie - manche ganz plötzlich, andere schon ihr Leben lang -, dass etwas in der Familienhistorie nicht stimmig ist. Manche von ihnen stecken selbst in einer Lebenskrise oder haben eine ebensolche überwunden. Andere finden nach dem Tod eines Elternteils Dokumente, von denen über Jahrzehnte hinweg niemand etwas wusste oder wissen wollte.



'Euthanasie'-Opfer im Fokus der Gedenkstunde

Am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wird im Jahr 2017 zum ersten Mal die Gruppe der 'Euthanasie'-Opfer im Fokus der Gedenkstunde im Bundestag stehen.

Diese dringend notwendige Geste macht es zum einen möglich, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die Problematik von Ausgrenzung und Behindertenfeindlichkeit zu lenken. Zum anderen wird der 27. Januar in diesem Jahr ein weiteres deutliches Zeichen dafür sein, dass wir die Opfer der NS-Krankenmorde nicht vergessen dürfen, ja, dass die Aufarbeitung ihrer Schicksale gerade erst begonnen hat.

Die Menschen hinter den Forschungen

Ich möchte den Schwerpunkt des diesjährigen Gedenktages zum Anlass nehmen, eine Interview-Reihe zu beginnen. Dazu werde ich im Blog von Gedenkort T4 jeden Monat eine Person vorstellen, die zum Schicksal eines Vorfahren forscht. Was treibt diese Menschen an? Wo haben sie begonnen? Was konnten sie herausfinden? Und was haben die Nachforschungen in ihrem Umfeld und nicht zuletzt in ihnen selbst ausgelöst? 

Fragen wie diesen möchte ich gemeinsam mit anderen Angehörigen nachgehen, um die Menschen hinter den Forschungen kennenzulernen und ihr Engagement zu würdigen. (Bild: J. Frick)


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Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk

Es gibt sie, diese Momente, in denen ich altbekannte Dinge - auf einmal und ohne logische Erklärung - mit anderen Augen sehe. Und so schweifte mein Blick in diesem Jahr am 2. Weihnachtstag nach dem Abendessen durch das Wohnzimmer meiner Eltern, während ich den Gesprächen lauschte, und blieb an dem alten Schaukasten mit den Taschenuhren hängen.

Er hängt dort, seit ich denken kann. Hinter der Glasscheibe mit dem ovalen Holzrahmen befinden sich fünf alte Taschenuhren auf dunkelrotem Samt. Woher sie stammen, wem sie einmal gehörten – Fragen wie diese hatte ich mir bis zu jener Sekunde nie gestellt. Und ich würde sie mir wohl auch weiterhin nicht stellen müssen, zumindest was eine von ihnen anging. Denn mit einem Mal war ich mir sicher, dass eine dieser Uhren meinem Opa Walter gehört hatte. Sekundenlang starrte ich auf den Kasten und meine Fingerspitzen begannen zu kribbeln.

 

Als der Essenstisch abgeräumt war, ging ich zielstrebig auf den Kasten zu und nahm ihn von der Wand. Nacheinander holte ich die Uhren heraus und öffnete sie vorsichtig. Dabei wusste ich genau, was ich suchte: Gravuren, Initialen, Inschriften. Denn mein Opa hatte die dankenswerte Eigenschaft, einige seiner liebsten Dinge mit seinem Namen zu versehen.

 

Und tatsächlich, ich sollte nicht enttäuscht werden. Die letzte Uhr offenbarte mir die folgenden Zeilen:


Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk (das Bild ist durch Klick vergrößerbar).
Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk (das Bild ist durch Klick vergrößerbar).

"Gebrüder Escales in Zweibrücken zur Erinnerung an das Fabrikjubiläum 1851 - 1. April 1901 ihrem Weber J. Frick" ist auf die Innenseite der Uhr kunstvoll eingraviert. Und wenige Zentimeter darüber steht in zackiger Handschrift, ganz unscheinbar und nur im richtigen Licht zu lesen - W. Frick. 


Drei Generationen Frick: Walter mit seinem Vater Hugo und seinem Großvater Jakob um 1911.
Drei Generationen Frick: Walter mit seinem Vater Hugo und seinem Großvater Jakob um 1911.

Jakob Frick war mein Ururgroßvater und arbeitete als Weber in Zweibrücken. Ob am Ende des Kettchens auf dem Foto wohl jene Uhr hing? Walter hatte sie von seinem Großvater geerbt, und nun habe ich sie von meinem Großvater geerbt. Das ist zweifelsohne ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk - vielleicht das schönste, das ich jemals bekommen habe.

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Sonderausgabe: aus taz.dietageszeitung wurde taz.mitbehinderung!

Gestern lag in den Läden und Briefkästen eine ganz besondere Ausgabe der Tageszeitung taz - die taz.mitbehinderung! Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember wurde die taz im Rahmen einer freundlichen Übernahme ausschließlich von Autor_innen mit Behinderungen, psychischen oder geistigen Einschränkungen und chronischen Erkrankungen gestaltet! Ich bin stolz und glücklich, ein Teil dieser Community sein zu dürfen und kann Ihnen hier nun meinen Artikel präsentieren. Denn auch die Aufarbeitung der NS-'Euthanasie' ist ein hochaktuelles Thema und geht uns alle etwas an. 


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Walter Frick | Armin Beilhack - NS-'Euthanasie' und innerfamiliäre Verstrickungen

Es gibt viele Bücher von Kriegskindern und über Kriegskinder, solche über Kriegsenkel. Diese Begriffe sind schwammig, suggerieren sie doch ein zeitliches Raster, das so eindeutig gar nicht existiert. Kriegsenkel, so lese ich – Jahrgang 1990 – oft, wurden zwischen 1965 und 1975 geboren. Die inhaltlichen Rollen aber werden dann umso klarer verteilt und benannt. Da ist von Täterfamilien und Opferfamilien die Rede, von Widerständlern. Seltener begegnen uns diejenigen, die wir heute als Mitläufer bezeichnen. Die Farblosen, die Feigen, die ihren eigenen Hals retten wollten. Und dann ist es an uns. Während der wissenschaftliche Teil ans Analysieren macht, stellt sich der persönliche Teil die unausweichliche Frage: Wer wäre ich gewesen?

 

Ganz in diesem Rollendenken suchte ich nach Literatur für diesen Vortrag. Der thematische Hintergrund ist auf den ersten Blick kompliziert: Ich bin eine Kriegsenkelin, die das Alter einer Kriegsurenkelin hat, und deren Großonkel den Großvater in eine Nervenheilanstalt eingewiesen hat, in der er fünf Monate später „verstarb“. Und als ob das nicht genug wäre, spielt auch noch die Verwandtschaft mit einem ranghohen Nationalsozialisten eine Rolle, von der nach 45 keiner mehr sprach.

 

Nun, ich mache es kurz: Ich habe kein geeignetes Buch gefunden. Das bestärkt mich nun zum einen, mein eigenes endlich fertig zu stellen. Und zum anderen hat mir diese Erkenntnis geholfen, Position zu beziehen und Rollenzuweisungen kritisch zu betrachten. Denn bei Tätern, Opfern, Widerständlern und Mitläufern handelt es sich um Rollen, deren Inhaber alle eines gemeinsam haben: Sie waren Menschen, und Menschsein ist keine Rolle. Dass wir Rollen annehmen und Identitäten bilden, steht außer Frage. Doch in dem Moment, in dem wir die Rolle abstrahieren und zu sehr losgelöst vom dazugehörigen Menschen analysieren und thematisieren, laufen wir Gefahr, eine zu große Distanz aufzubauen. Und gerade die Erforschung der eigenen Familiengeschichte verlangt eine ständige Gratwanderung zwischen Subjektivität und Objektivität, zwischen Nähe und Distanz. Dies ist – zumindest in meinem Fall – keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern die Schlussfolgerung eigener Erfahrungen.

 

Eine einfache wie gängige Methode, die personelle Zusammensetzung einer Familie aufzuzeigen, ist der Stammbaum. Tatsächlich besitze ich eine ganze Kiste mit Stammbäumen [...]. 

 


Wenn Sie den vollständigen und bebilderten Vortrag lesen möchten, können Sie diesen hier als PDF herunterladen:

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Walter Frick | Armin Beilhack. NS-'Euthanasie' und innerfamiliäre Verstrickungen (Julia Frick)
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