Ein Denkmal auf Reisen - Publikation zum Denkmal der Grauen Busse erschienen

Im Sommer diesen Jahres ist ein interdisziplinärer Sammelband zum Denkmal der Grauen Busse erschienen, das seit 2007 als mobiles Erinnerungszeichen an die NS-"Euthanasie"-Morde erinnert. Für meine Bachelorarbeit - und meinen Blog - hatte ich ein Rezensionsexemplar erhalten. Nun möchte ich Ihnen das Buch hier genauer vorstellen.

 

 

Seit dem 27. Januar 2007 ist die Zufahrt zur ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Weißenau dauerhaft durch einen 75 Tonnen schweren, in Beton gegossenen grauen Bus blockiert. Die Skulptur der Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz ist einer von zwei identischen Bussen, die damals als Siegerentwurf aus einem Gestaltungswettbewerb der Stadt Ravensburg hervorgegangen sind. Als „zweigeteiltes Erinnerungszeichen“ fangen die Busse seither Blicke, werfen Fragen auf, machen nachdenklich und neugierig. Zweigeteilt sind sie im doppelten Sinne: zum einen, weil beide in der Mitte „durchgeschnitten“ und somit für Fußgänger*innen und Rollstuhlfahrer*innen passierbar sind. Zum anderen, weil nur einer der Busse ein fest stehendes Denkmal im herkömmlichen Sinne ist, während der andere als „bewegtes Denkmal“ an immer neuen Orten aufgestellt wird und verweilt. Orte, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass an ihnen entweder Menschen im Zuge der NS-„Euthanasie“ ermordet wurden, oder aber, dass man sie mit einem der grauen Busse der Tarnorganisation GeKraT („Gemeinnützige Krankentransport GmbH“) von dort weggebracht und in den sicheren Tod gefahren hat.

 

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Spaziergang zu einem vergessenen Ort: Der Gedenkort "Alter Anstaltsfriedhof" in Berlin-Reinickendorf

Es geht bereits auf 20 Uhr zu, als ich an einem schwül-warmen Abend im Juni am Rathaus Berlin-Reinickendorf aus dem Bus steige. Ruth Orland wartet schon auf mich, entspannt sitzt sie im Haltestellenhäuschen. Ich bin zu spät, weil ein Bus ausgefallen ist. "Das ist Berlin", sagt sie nur und grinst. Unser Treffen ist schon lange angedacht gewesen, und wir beide sind froh, dass es nun endlich klappt. Denn, was Ruth mir zeigen möchte, liegt ihr sehr am Herzen – und mir auch. 

 

Seit den späten 1980er Jahren setzt sich ihre Mutter, die Pfarrerin Irmela Orland, unermüdlich dafür ein, dass die Reinickendorfer bzw. Wittenauer Opfer der NS-„Euthanasie“ nicht vergessen werden, dass die diesbezügliche Geschichte des Ortes aufgearbeitet und sichtbar wird. 2006 stieg Ruth mit in die Initiative ihrer Mutter ein, zusammen riefen sie im Sommer 2014 den Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof ins Leben. Der Hintergrund des Engagements von Mutter und Tochter: Zwischen 1933 und 1945 wurden in den damaligen Wittenauer Heilstätten Tausende von Menschen Opfer von Zwangssterilisation und Patientenmorden. In der sogenannten „Kinderfachabteilung Wiesengrund“ wurden zudem Kinder gequält und ermordet. Und dort beginnt auch unser Weg an diesem Abend. 

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Das Schweigen brechen - Interviews mit Nachfahren von NS-'Euthanasie'-Opfern

Immer mehr Angehörige von Menschen, die zwischen 1939 und 1945 Opfer der NS-'Euthanasie'-Morde wurden, stellen Fragen, beginnen zu recherchieren, machen sich auf die Suche nach Antworten: Was ist mit meiner Großmutter, meinem Onkel, meiner Großtante geschehen? Nicht selten spüren sie - manche ganz plötzlich, andere schon ihr Leben lang -, dass etwas in der Familienhistorie nicht stimmig ist. Manche von ihnen stecken selbst in einer Lebenskrise oder haben eine ebensolche überwunden. Andere finden nach dem Tod eines Elternteils Dokumente, von denen über Jahrzehnte hinweg niemand etwas wusste oder wissen wollte.

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Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk

Es gibt sie, diese Momente, in denen ich altbekannte Dinge - auf einmal und ohne logische Erklärung - mit anderen Augen sehe. Und so schweifte mein Blick in diesem Jahr am 2. Weihnachtstag nach dem Abendessen durch das Wohnzimmer meiner Eltern, während ich den Gesprächen lauschte, und blieb an dem alten Schaukasten mit den Taschenuhren hängen.

Er hängt dort, seit ich denken kann. Hinter der Glasscheibe mit dem ovalen Holzrahmen befinden sich fünf alte Taschenuhren auf dunkelrotem Samt. Woher sie stammen, wem sie einmal gehörten – Fragen wie diese hatte ich mir bis zu jener Sekunde nie gestellt. Und ich würde sie mir wohl auch weiterhin nicht stellen müssen, zumindest was eine von ihnen anging. Denn mit einem Mal war ich mir sicher, dass eine dieser Uhren meinem Opa Walter gehört hatte. Sekundenlang starrte ich auf den Kasten und meine Fingerspitzen begannen zu kribbeln.

 

Als der Essenstisch abgeräumt war, ging ich zielstrebig auf den Kasten zu und nahm ihn von der Wand. Nacheinander holte ich die Uhren heraus und öffnete sie vorsichtig. Dabei wusste ich genau, was ich suchte: Gravuren, Initialen, Inschriften. Denn mein Opa hatte die dankenswerte Eigenschaft, einige seiner liebsten Dinge mit seinem Namen zu versehen.

 

Und tatsächlich, ich sollte nicht enttäuscht werden. Die letzte Uhr offenbarte mir die folgenden Zeilen:

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Sonderausgabe: aus taz.dietageszeitung wurde taz.mitbehinderung!

Gestern lag in den Läden und Briefkästen eine ganz besondere Ausgabe der Tageszeitung taz - die taz.mitbehinderung! Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember wurde die taz im Rahmen einer freundlichen Übernahme ausschließlich von Autor_innen mit Behinderungen, psychischen oder geistigen Einschränkungen und chronischen Erkrankungen gestaltet! Ich bin stolz und glücklich, ein Teil dieser Community sein zu dürfen und kann Ihnen hier nun meinen Artikel präsentieren. Denn auch die Aufarbeitung der NS-'Euthanasie' ist ein hochaktuelles Thema und geht uns alle etwas an. 

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Walter Frick | Armin Beilhack - NS-'Euthanasie' und innerfamiliäre Verstrickungen

Es gibt viele Bücher von Kriegskindern und über Kriegskinder, solche über Kriegsenkel. Diese Begriffe sind schwammig, suggerieren sie doch ein zeitliches Raster, das so eindeutig gar nicht existiert. Kriegsenkel, so lese ich – Jahrgang 1990 – oft, wurden zwischen 1965 und 1975 geboren. Die inhaltlichen Rollen aber werden dann umso klarer verteilt und benannt. Da ist von Täterfamilien und Opferfamilien die Rede, von Widerständlern. Seltener begegnen uns diejenigen, die wir heute als Mitläufer bezeichnen. Die Farblosen, die Feigen, die ihren eigenen Hals retten wollten. Und dann ist es an uns. Während der wissenschaftliche Teil ans Analysieren macht, stellt sich der persönliche Teil die unausweichliche Frage: Wer wäre ich gewesen?

 

Ganz in diesem Rollendenken suchte ich nach Literatur für diesen Vortrag. Der thematische Hintergrund ist auf den ersten Blick kompliziert: Ich bin eine Kriegsenkelin, die das Alter einer Kriegsurenkelin hat, und deren Großonkel den Großvater in eine Nervenheilanstalt eingewiesen hat, in der er fünf Monate später „verstarb“. Und als ob das nicht genug wäre, spielt auch noch die Verwandtschaft mit einem ranghohen Nationalsozialisten eine Rolle, von der nach 45 keiner mehr sprach.

 

Nun, ich mache es kurz: Ich habe kein geeignetes Buch gefunden. Das bestärkt mich nun zum einen, mein eigenes endlich fertig zu stellen. Und zum anderen hat mir diese Erkenntnis geholfen, Position zu beziehen und Rollenzuweisungen kritisch zu betrachten. Denn bei Tätern, Opfern, Widerständlern und Mitläufern handelt es sich um Rollen, deren Inhaber alle eines gemeinsam haben: Sie waren Menschen, und Menschsein ist keine Rolle. Dass wir Rollen annehmen und Identitäten bilden, steht außer Frage. Doch in dem Moment, in dem wir die Rolle abstrahieren und zu sehr losgelöst vom dazugehörigen Menschen analysieren und thematisieren, laufen wir Gefahr, eine zu große Distanz aufzubauen. Und gerade die Erforschung der eigenen Familiengeschichte verlangt eine ständige Gratwanderung zwischen Subjektivität und Objektivität, zwischen Nähe und Distanz. Dies ist – zumindest in meinem Fall – keine wissenschaftliche Erkenntnis, sondern die Schlussfolgerung eigener Erfahrungen.

 

Eine einfache wie gängige Methode, die personelle Zusammensetzung einer Familie aufzuzeigen, ist der Stammbaum. Tatsächlich besitze ich eine ganze Kiste mit Stammbäumen [...]. 

 

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Gedenkgottesdienst für die Opfer von NS-'Euthanasie' und Zwangssterilisation im Diakonissenkrankenhaus Mannheim

“Weil sie meinen ich bin weniger wert wie andere” - Worte eines Opfers der Zwangssterilisation in der NS-Zeit, zu lesen auf einem Mahnmal, welches seit März 2016 vor dem Diakonissen-Krankenhaus in Mannheim steht. Initiiert wurde das Wanderdenkmal vom Arbeitskreis Justiz und Geschichte des Nationalsozialismus in Mannheim, die Gestaltung übernahm der Künstler Michael Volkmer. Am Sonntag, den 16. Oktober um 10 Uhr soll nun ein ökumenischer Gottesdienst in der Kapelle des Diakonissenkrankenhauses stattfinden, in dem der vielen hunderttausend Opfer gedacht wird.

 


Im Zentrum des Gottesdienstes wird exemplarisch die Geschichte meines Großvaters Walter Frick stehen, der 1941 in einer Nervenheilanstalt in Bernau bei Berlin ermordet wurde. Während die 'Euthanasie'-Morde vorwiegend in so genannten Heil- und Pflegeanstalten oder Sanatorien durchgeführt wurden, beteiligten sich an der Durchführung von Zwangssterilisationen auch Krankenhäuser, darunter auch viele christliche.

 

Auch wenn die Beteiligung des heutigen Diakonissenkrankenhauses wegen der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Akten nicht mehr nachvollziehbar ist, ist es dem AK Justiz, vielen der im Krankenhaus Beschäftigten und nicht zuletzt der Stadt Mannheim ein großes Anliegen, an die medizinischen Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern. Denn - darauf wird auch die Gynäkologin Dr. Katharina Paulus im Rahmen des Gottesdienstes hinweisen - das Thema der NS-'Euthanasie' und der Zwangssterilisierung behinderter und kranker Menschen ist in Anbetracht des gegenwärtigen Diskurses um Pränataldiagnostik kein rein historisches.

 

 

 

Mitwirkende:

 

Karin Lackus, Pfarrerin und Krankenhausseelsorgerin

 

Irene Wimmi, Pastoralreferentin und Krankenhausseelsorgerin

 

Dr. Katharina Paulus, Gynäkologin

 

Julia Frick, angehende Kulturanthropologin und stellv. Vorsitzende des Förderkreises Gedenkort T4 e.V.

 

 

Die Kollekte des Gottesdienstes geht an den Förderkreis des Gedenk- und Informationsortes Tiergartenstraße 4 für die Opfer der NS-'Euthanasie'–Morde e.V. (Förderkreis Gedenkort T4)

 

 

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Stille Eindringlichkeit - Filmkritik zu "Nebel im August"

Seit dem 29. September läuft der Film „Nebel im August“ in vielen deutschen Kinos. Er erzählt die wahre Geschichte von Ernst Lossa, einem jenischen Jungen, der 1944 im Alter von nur vierzehn Jahren in einer Nervenheilanstalt ermordet wurde. Ich hatte die große Ehre, der Berliner Premiere beizuwohnen und im Anschluss an den Film zusammen mit dem Regisseur Kai Wessel („Die Flucht“), dem Produzenten Ulrich Limmer („Das Sams“), dem Psychiater Prof. Dr. Michael von Cranach und der Bundestagsabgeordneten Hiltrud Lotze (SPD) auf einem Gesprächspodium zu diskutieren.

 

 

‚Euthanasie‘ als ideologisches Kontinuum

Selten habe ich so lohnende, bewegende Stunden in einem Kinosaal verbracht – was für ein mächtiger Film! Was da am 29. September auf der Leinwand im „Filmkunst66“ zu sehen war, ist das gelungene Ergebnis eines jahrelangen Kampfes. Es sei schwer gewesen, den Film zu realisieren, verrät Ulrich Limmer, oft habe man ihm gesagt, dass es doch wirklich schon viele Filme „über die Nazis“ gäbe. Doch zum einen gab es bisher noch keinen Film über die NS-‚Euthanasie‘ – und zum anderen ist jene „Vernichtung lebensunwerten Lebens“ (so der Titel eines Buches, das 1920 von dem Juristen Karl Binding und dem Mediziner Alfred Hoche veröffentlicht wurde) keine Erfindung des Dritten Reiches, wie auch Prof. Dr. Michael von Cranach betont. Vielmehr, so könnte man formulieren, handelt es sich um ein ideologisches Kontinuum der Stigmatisierung, um die Einteilung in gesund und krank, in lebenswert und lebensunwert – in erwünscht und unerwünscht.

 

Ernst Lossa – ein untypisches Beispiel?

Nicht nur bei der Berliner Premiere, auch in vielen Zeitungsartikeln wurden Stimmen laut, die kritisieren, dass Ernst Lossa ja gar nicht krank oder behindert gewesen sei. Greift man diese oder ähnliche Kritikpunkte auf, wird schnell deutlich, wie nötig dieser Film ist. Ernst Lossa war ein unangepasster Junge, und er war Angehöriger der Jenischen, eines fahrenden Volkes. Auf den ersten Blick stellt der damit eine Minderheit in der Minderheit dar, doch ist dem wirklich so? Gehen wir nicht allzu oft – und meist unbewusst – von den nationalsozialistischen Klassifizierungen aus, wenn wir zu wissen meinen, wer damals „krank“ war und wer nicht? Und zeigt eine solche Diskussion nicht auch, wie schnell wir selbst heute noch Menschen in Schubladen stecken und dass wir daran dringend etwas ändern sollten?

 

Frei von Klischees

„Nebel im August“ ist authentisch, ungekünstelt. Der Film kommt nicht mit der brutalen Wucht daher, die man angesichts der Thematik erwarten könnte, vielmehr ziehen einen die stille Eindringlichkeit und die erschreckende Sachlichkeit der (zu jeder Zeit absolut glaubwürdig umgesetzten) Dialoge in ihren Bann. Auch das Brechen mit sämtlichen „Nazi-Klischees“ macht diesen Film so überzeugend. Es gibt keine typischen Täter, keine typischen Opfer. Wenn der Klinikdirektor mit den Kindern spielt, glaubt man ihm dies ebenso, wie wenn er die Todesliste „für heute Nacht“ an sein Personal herausgibt. Mit Ausnahme des vermutlich bewusst schwach gezeichneten Charakters der Kinderkrankenschwester Edith Kiefer trifft der Zuschauer auf hoch differenzierte Personen – und erschrickt vielleicht, wenn er bemerkt, dass auch sie Menschen waren.

 

Hochaktuelle Thematik

Doch darf man einen solchen Film überhaupt drehen? Dies ist eine Frage, die angesichts der filmischen Auseinandersetzung mit der NS-‚Euthanasie‘ unweigerlich im Raum steht. Die ästhetische Darstellung nationalsozialistischer Verbrechen wird seit jeher kontrovers diskutiert und lässt sich sicher nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten. Im Fall von „Nebel im August“ aber ist die Antwort meiner Meinung nach ein klares Ja. Denn würde man, um Kai Wessel zu zitieren, den Opfern keine Stimme geben, dann gliche dies einem zweiten Mord an ihnen. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass das behandelte Thema beileibe kein historisches, sondern angesichts von Sterbehilfe und Pränataldiagnostik ein hoch aktuelles ist.

 

„Nebel im August“ ist ein Film, der einen umfängt, ohne die Sinne zu betäuben. Und wenn sich der Vorhang zu den berührenden wie unprätentiösen Streicherklängen Martin Todsharows langsam schließt, dann hat man kein Kino besucht und keine Geschichtsstunde absolviert. Man hat Menschen kennengelernt.

 

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Sehr persönliche Note - Eindrücke von der Gedenkfeier für die Opfer von NS-'Euthanasie' und Zwangssterilisation am 3. September 2016

Die Sonne hatte bereits jeden Winkel für sich eingenommen, als die Gäste gegen 14 Uhr nach und nach das Südfoyer der Berliner Philharmonie betraten. Schon in der Begrüßung durch Ruth Fricke, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands des Bundes Psychiatrieerfahrener (BPE), wurde die persönliche Note der Gedenkfeier deutlich. Fast alle Redner_innen, so Fricke, hätten damals wohl auf den Listen der Ärzte gestanden, die zwischen 1940 und 1945 über Leben und Tod der Menschen in den Heil- und Pflegeanstalten entschieden.

 

Die Gedenkfeier zu Ehren der Opfer von NS-‚Euthanasie‘ und Zwangssterilisation, die seit einigen Jahren immer am ersten Samstag im September in Berlin stattfindet, ist gewissermaßen das Pendant zu derjenigen am 27. Januar. Auch am offiziellen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus findet jährlich eine Gedenkveranstaltung in Berlin statt, ausgehend von der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen, Verena Bentele.

 

Und so war es auch Frau Bentele, die sich als erste Rednerin mit einem Grußwort an die Gäste richtete. Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus, betonte sie, sei nicht nur wichtig, um der Opfer zu gedenken, sondern auch, um Gegenwart und Zukunft sinnstiftend gestalten zu können.

 

Diesem Aktualitätsbezug schloss sich Bezirksbürgermeister Christian Hanke (SPD) an. Er betonte in eindrücklicher Weise, dass auch unsere Gesellschaft sich mit einem Gedankengut auseinandersetzen muss, das von „uns“ und „den anderen“ spricht. Damals wie heute, machte Hanke deutlich, ging es einem Teil der Bevölkerung darum, den „Volkskörper“ zu schützen, ihn „gesund“ bzw. „rein“ zu halten. Dies zeige, dass menschenverachtende und stigmatisierende Ideologien wie die der Eugenik („Rassenhygiene“) keineswegs eine rein historische Angelegenheit seien.

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3. September 2016: Gedenkfeier für die Opfer von NS-'Euthanasie' und Zwangssterilisierung am Gedenk- und Informationsort T4 in Berlin

„Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt sind unter Verantwortung beauftragt, die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“

 

Mit diesem formlosen Schreiben (Faksimile hier zugänglich) ermöglichte Hitler die organisatorische Durchführung der sogenannten "Aktion T4" - also des Massenmordes an hunderttausenden behinderten und psychisch kranken Menschen.

Um die gezielten Tötungen möglichst gut begründen und vertuschen zu können, wurde das Schreiben Hitlers auf den 1. September 1939 - den Tag des Kriegsbeginns - zurückdatiert.

 

Am Samstag, den 3. September 2016, lädt der "Aktionskreis T4-Opfer nicht vergessen" - eine Kooperation von u. a. Gedenkort T4, Rundem Tisch T4 und dem Bund Psychiatrieerfahrener (BPE) - zu einer feierlichen Gedenkveranstaltung für die Opfer von NS-'Euthanasie' und Zwangssterilisierung in das Hauptfoyer der Berliner Philharmonie ein.

 

Ich freue mich sehr, die musikalische Gestaltung der Gedenkfeier übernehmen zu dürfen und in diesem Rahmen auch über meine Recherchearbeit zu berichten.

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Der SS-Mann Armin Beilhack - Täter oder Opfer seiner Zeit?

Armin Beilhack, Jahrgang 1908, war ein aus München stammender SS-Soldat, der 1943 an der russischen Front fiel. Er war aber auch der Ehemann meiner Großtante - also mein Großonkel. Doch als solchen könnte ich ihn nie bezeichnen.

Es brauchte ja schon viele Jahre, bis es mir gelang, diesen Mann, "den Beilhack", überhaupt beim Vornamen zu nennen. Ende April 2016, als ich bei einer Akteneinsicht im Bundesarchiv zum ersten Mal ein Portrait von ihm sah, als der Fremde plötzlich ein Gesicht hatte - da konnte er auch einen Namen bekommen.

 

Armin ist verantwortlich für den Tod meines Großvaters Walter. 1941 ließ er ihn gewaltsam in eine Nervenheilanstalt bringen, nachdem er in seinem Hause einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Die Folgen dieser Tat waren ihm, dem SS-Hauptsturmführer, mehr als bewusst. Und so ist es auch Armin, der am 7. August 1941 auf dem Standesamt der Stadt Oranienburg den Tod seines Schwagers meldet. Dieser sei in der Nervenheilanstalt Bernau an "Erschöpfung und trauriger Verstimmung" verstorben.

 

Lange Zeit war dieser Mensch für mich regelrecht ein Monstrum. Ein fanatischer SS-Mann, dem jeder schwächere Mensch ein Dorn im Auge war, der womöglich das Töten liebte, der ... schlicht schon immer so gewesen war. Er war der Täter, mein Opa das Opfer.

 

Doch fünf Jahre Recherche und die Arbeit an meiner Buchpublikation haben mich vor allem eines gelehrt: dass es keine klaren Protagonisten und Antagonisten, keine reinen Opfer und keine reinen Täter gibt.

 

Daher möchte ich Ihnen und Euch nun Armin Beilhack vorstellen. Ich für meinen Teil habe einen Menschen kennengelernt, dessen Lebenslauf zwar in keinster Weise eine Entschuldigung für seine Taten ist. Doch er kann vielleicht eine Erklärung dafür sein, wie aus einem kleinen Halbwaisen ein menschenverachtender Nationalsozialist werden konnte.

 

Hier geht es zur Biografie von Armin Beilhack (1908-1943).

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Späte Erfüllung - warum ein fragwürdiger Brief von 1936 mich in meiner Arbeit bestärkt

"Sehr geehrte Frau Frick, wir können Ihnen mitteilen, dass die Nachforschungen zu Ihrem Großvater abgeschlossen sind." - so begann ein Brief, den mir das Bundesarchiv im Juni diesen Jahres schickte. Recherchiert werden konnten eine umfangreiche Akte der Reichskulturkammer sowie eine Parteikorrespondenz kleineren Umfangs.

Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn eine längst vergangene Geschichte, ja, eine, die das Leben schon "zu Ende geschrieben hat", sich plötzlich in der Gegenwart weiterspinnt. Als würden sich plötzlich Türen öffnen, von deren Existenz man bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal wusste.

Mein Opa ist seit 75 Jahren tot, mein Urgroßvater schon seit 87 Jahren - und den hier abgedruckten Brief (die Bilder sind durch Klick vergrößerbar) hat mein Opa vor ziemlich genau 80 Jahren geschrieben, datiert auf den Tag seiner Hochzeit.

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Gegründet: Der Förderkreis Gedenkort T4 e.V.

Der Gründungsvorstand. Foto: Eva Buchholz.
Der Gründungsvorstand. Foto: Eva Buchholz.

Gestern, am 29. Juni 2016, war es endlich soweit: Der Förderkreis des Gedenkortes in der Tiergartenstraße 4 für die Opfer der NS-"Euthanasie" wurde gegründet!

Drei Stunden lang diskutierten die künftigen Mitglieder in der Gründungsversammlung intensiv und durchaus kontrovers über die Vereinssatzung und wählten letztlich ihren Vorstand, den ich nun hier kurz vorstellen möchte (v.l.n.r.).

 

Rolf Flathmann, stellvertretender Vorsitzender der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V. hat dankenswerterweise das Amt des Schatzmeisters übernommen, Irit Kulzk, Geschäftsführerin des Vereins Zukunftssicherung e.V. ist eine der BeisiterInnen, ebenso Thomas Künneke von den Kellerkindern e.V.. Die Dame im gepunkteten Kleid ist die Betreiberin dieser Seite (Julia Frick) und freut sich sehr über das Amt der stellvertretenden Vorsitzenden, erster Vorsitzender des Vereins ist Martin Georgi, der umfangreiche Erfahrung in der Beratung von NGOs hat (er war u. a. mehrere Jahre im Vorstand der Aktion Mensch). Gabi Gerwins (Beisitzerin) engagiert sich aktiv in der Berliner Behindertenpolitik, u.a. in der Initiative Mensch Zuerst - Netzwerk People First, Barbara Stellbrink-Kesy (Beisitzerin) recherchiert seit vielen Jahren zur Lebensgeschichte ihrer Großtante, die ein Opfer der NS-"Euthanasie" ist, und schreibt an einem Buch darüber. Matthias Kube (Beisitzer) ist Vorstandsvorsitzender der Wichern Diakonie Frankfurt (Oder).

 

In den kommenden zwei Jahren werden wir den Förderkreis Gedenkort T4 leiten und nach außen vertreten. Gemeinsam mit unseren Mitgliedern und Fördermitgliedern freuen wir uns auf weitere angeregte Diskussionen, sinnstiftende Projekte und gute Vernetzung!

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Über Verantwortung und symbolische Aufwertung

Die Frankfurter Auschwitz-Prozesse 1963-65

Im Jahr 1963 sorgte der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer in den Augen vieler für einen Eklat. Ihm und seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass 21 SS-Männer und ein sogenannter Funktionshäftling auf die Anklagebank kamen, die zwei Jahrzehnte zuvor an der Tötungsmaschinerie des Vernichtungslagers Auschwitz beteiligt gewesen waren. Die Urteile, die zwei Jahre später verkündet wurden, waren lächerlich, doch deren „Vollstreckungen“ geradezu eine Farce: „Bis zum Herbst 1970, also fünf Jahre nach dem Urteil des Schwurgerichts, waren alle Angeklagten, die zu zeitigen Zuchthausstrafen verurteilt worden waren, aus der Untersuchungs- bzw. aus der Strafhaft entlassen worden“ (Werner Renz: Fakten zum Auschwitzprozess, Fritz-Bauer-Institut), von den sechs „Lebenslänglichen“ wurde einer 1975 begnadigt und zwei Ende der 1980er aus der Haft entlassen.

 

"...dass Deutschland sich weiter seiner Verantwortung stelle"

Nun stehen die unzähligen Akten und Tonbandmitschnitte zum Frankfurter Auschwitzprozess vor der Aufnahme ins Dokumentenregister der Welt, das UNESCO-Register „Memory of the World“. Ein positives Votum aus Paris gelte als weitgehend sicher, schreibt focus-online, bisher sei noch kein deutscher Antrag an das digitale Archiv abgelehnt worden. „Die geplante Aufnahme“, so wird Hessens Wissenschaftsminister Rhein (CDU) zitiert, „sei ein wichtiges Zeichen an die Welt, dass Deutschland sich weiter seiner Verantwortung für die NS-Verbrechen und den Holocaust stelle.

Nun – wenn ich den aktuellen Prozess gegen den SS-Sanitäter Hubert Zafke verfolge (der mutmaßlich einer der letzten sein wird), muss ich doch sehr an Rheins Statement zweifeln. Lese ich doch davon, dass Nebenklagen „aus spitzfindigen Gründen abgelehnt werden“ (taz), dass die Staatsanwaltschaft Schwerin und der Anwalt eines Nebenklägers „Befangenheitsanträge gegen das Gericht gestellt [haben], weil sie Anzeichen dafür sehen, dass das Gericht eine Einstellung des Verfahrens anstrebt“ (Süddeutsche) und „die Verlesung der Anklage [...] gar nicht erst geplant war“ (tagesspiegel). Christoph Heubner, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, bezeichnete den Prozess gar als „Schmierentheater“ (Jüdische Allgemeine).

 

Kollektive Schuld gibt es nicht

Zu allererst sei einmal klargestellt, dass wir es hier mit einem Missverständnis zu tun haben. Deutschland ist nicht für die NS-Verbrechen verantwortlich. Deutschland ist für gar nichts verantwortlich, denn verantwortlich sein oder Schuld tragen können nur Subjekte. Deutschland ist eine der Synekdochen, auf die vor allem dann gerne zurückgegriffen wird, wenn man sich einer Verantwortung entziehen will! Wenn man keine konkreten Personen anspricht, sondern diese allesamt unter die äußerst weite und wenig greifbare Bezeichung für eine Nation steckt, kann man nämlich vor allem eines: sich zurücklehnen. „Dergleichen wie kollektive Schuld oder kollektive Unschuld gibt es nicht“, schreibt Hannah Arendt in ihrem 1989 erstmals veröffentlichten Essay Was heißt persönliche Verantwortung unter einer Diktatur?*, „der Schuldbegriff macht nur Sinn, wenn er auf Individuen angewendet wird.

Weiter geht es mit der Verantwortung. Verantworten kann ich Taten nur, wenn ich sie entweder selbst begangen habe oder aber die Möglichkeit besteht, dass ich jene Taten (der anderen) durch mein Eingreifen unterbinden kann. Der Holocaust jedoch ist geschehen. Die meisten von uns haben diese Taten demnach nicht begangen – und unterbinden können wir sie auch nicht mehr, da sie längst traurige Geschichte sind. Einer der wenigen, die sich hier und heute noch ihrer Verantwortung stellen könn(t)en, heißt Hubert Zafke.

 

Ver-antworten oder Ver-schweigen?

Besser hätte Rhein also formuliert: „Die geplante Aufnahme ist ein wichtiges Zeichen an die Welt, dass die Mitglieder der gegenwärtigen deutschen Regierung und der Gerichte sich weiter ihrer Verantwortung für eine lückenlose Aufarbeitung der NS-Verbrechen und des Holocaust stellen.“ [Man weiß allerdings auch, wie Zeitungen zitieren - sollte Herr Rhein ohnehin etwas ganz anderes gesagt haben, so betrifft meine Kritik den focus-Redakteur.]

Wahrer wird die Aussage durch solche alternativen Formulierungen aber leider nicht.

Denn rein etymologisch hat Verantwortung etwas mit Antworten zu tun, ja, mit Rede und Antwort stehen. Etwas zu verantworten heißt, sich zeigen, sich zu Wort melden – mit dem Wissen, dass man gesehen und gehört wird. Verantwortung zeigen bedeutet also zugleich Haltung zeigen - eben zu etwas stehen.

 

Dass jene Akten und Tonbandmitschnitte als Zeitzeugnisse von extremer Wichtigkeit sind, steht außer Frage. Doch die symbolische Aufwertung durch die UNESCO darf nicht mit konkreter Aufarbeitung verwechselt werden. Denn Nebenklagen auszuschalten und mit fragwürdigen Argumenten einen Prozess einstellen zu wollen, hat nicht im Geringsten etwas mit Ver-antwortung zu tun. Sondern mit Ver-schweigen. Und da hilft leider auch die Aufnahme von 50 Jahre alten Tonbandmitschnitten in ein UNESCO-Archiv nichts.

 

 

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*Arendt, Hannah: Was heißt politische Verantwortung unter einer Diktatur?, in Arendt, Hannah: Nach Auschwitz. Essays & Kommentare. S. 81-98. 2. Auflage. Berlin 2014.

 

Die Meldung, auf die ich mich in diesem Blogpost beziehe, kann hier nachgelesen werden (letzter Zugriff am 10.06. um 11:07 Uhr).

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Aufruf zur Gründung: Der Förderverein Gedenkort T4

Seit 2011 gibt es "Gedenkort T4" - eine digitale Informationsplattform, die über die NS-"Euthanasie"-Verbrechen aufklärt, der Opfer gedenkt und immer wieder auch den Bogen zu aktuellen Debatten um Sterbehilfe und Humangenetik schlägt. Dies ist das eine Standbein einer umfassenden Gedenkarbeit, an der auch ich seit August 2015 teilhaben darf.

Das zweite Standbein ist seit 2014 der Gedenk- und Informationsort T4 im Berliner Stadtraum, genauer, direkt neben der Philharmonie. Denn dort, in der damaligen Tiergartenstraße 4, war im Dritten Reich in einer Villa die Zentrale untergebracht, von der aus die "Krankenmorde" gesteuert wurden. Dort wurde mit Kreuzen auf Meldebögen über Leben und Tod entschieden - diese erste Phase der NS-"Euthanasie" ging später unter dem Kürzel "Aktion T4" auf traurige Weise in die deutsche Geschichte ein. An jenem Ort steht seit 2014 ein Mahnmal, das zugleich als Informationsort dient, und das von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas ("Holocaustmahnmal") betreut wird.

Ab Juli diesen Jahres wird nun endlich ein drittes Standbein geschaffen: ein Förderverein, der die bisherigen Initiativen fortsetzen und ausbauen wird. "Wir wollen nicht, dass dieses Kapitel der deutschen Geschichte als abgeschlossen betrachtet wird", heißt es in unserem offiziellen Gründungsaufruf. "Das Interesse am Besuch von Gedenkstätten steigt. Immer
mehr Angehörige versuchen, das Schicksal ermordeter Familienmitglieder zu erforschen. Die
NS-“Euthanasie“ bleibt Bezugspunkt aktueller Debatten um Bioethik und Sterbehilfe."

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"Vater, Mutter, Hitler - vier Tagebücher und eine Spurensuche"

eine Dokumentation, die nicht einfach so verhallt

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Der "Fachtag NS-Euthanasie" am 31. März 2016 in Berlin

Frontseite des Flyers.
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Gestern, am 31. März 2016, fand in Berlin in der Vertretung des Landes Brandenburg ein Fachtag zum Thema "Euthanasie im Nationalsozialismus" statt, der unter dem Schwerpunkt der Inklusion und der individuellen Aufarbeitung der NS-Euthanasieverbrechen stand. Veranstaltet und organisiert wurde er vom Paritätischen Wohlfahrtsverband Berlin und der Berliner Initiative pinel, die psychisch kranke Menschen unterstützt.

Durchs Programm führte der Historiker und Mitorganisator Robert Parzer von der AG Gedenkort T4 in Berlin.

 

Die Vorträge hätten unterschiedlicher nicht sein können. Diese bunte Mischung und auch die zahlreichen kurzen Pausen erlaubten es, dass sich die Zuhörenden immer wieder auf neue Impulse einlassen konnten.

Nach einem Grußwort der Veranstalter erläuterte Margret Hamm von der AG BEZ (Bund Euthanasiegeschädigter und Zwangssterilisierter) die langwierigen, oft wenig erfolgreichen und noch immer andauernden Bemühungen Betroffener, auf politischer Ebene als Verfolgte des Naziregimes anerkannt zu werden.

Nach einer kurzen Pause gab Robert Parzer einen historischen Überblick über die Euthanasiemorde, die im Dritten Reich im Land Brandenburg begangen worden waren, und anschließend gab Christian Marx von der Gedenkstätte für die Opfer der Euthanasiemorde Brandenburg/Havel Einblick in die dortige aktuelle Arbeit. 

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Ein Denkmal auf Reisen - Publikation zum Denkmal der Grauen Busse erschienen

Im Sommer diesen Jahres ist ein interdisziplinärer Sammelband zum Denkmal der Grauen Busse erschienen, das seit 2007 als mobiles Erinnerungszeichen an die NS-"Euthanasie"-Morde erinnert. Für meine Bachelorarbeit - und meinen Blog - hatte ich ein Rezensionsexemplar erhalten. Nun möchte ich Ihnen das Buch hier genauer vorstellen.

 

 

Seit dem 27. Januar 2007 ist die Zufahrt zur ehemaligen Heil- und Pflegeanstalt Weißenau dauerhaft durch einen 75 Tonnen schweren, in Beton gegossenen grauen Bus blockiert. Die Skulptur der Künstler Horst Hoheisel und Andreas Knitz ist einer von zwei identischen Bussen, die damals als Siegerentwurf aus einem Gestaltungswettbewerb der Stadt Ravensburg hervorgegangen sind. Als „zweigeteiltes Erinnerungszeichen“ fangen die Busse seither Blicke, werfen Fragen auf, machen nachdenklich und neugierig. Zweigeteilt sind sie im doppelten Sinne: zum einen, weil beide in der Mitte „durchgeschnitten“ und somit für Fußgänger*innen und Rollstuhlfahrer*innen passierbar sind. Zum anderen, weil nur einer der Busse ein fest stehendes Denkmal im herkömmlichen Sinne ist, während der andere als „bewegtes Denkmal“ an immer neuen Orten aufgestellt wird und verweilt. Orte, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass an ihnen entweder Menschen im Zuge der NS-„Euthanasie“ ermordet wurden, oder aber, dass man sie mit einem der grauen Busse der Tarnorganisation GeKraT („Gemeinnützige Krankentransport GmbH“) von dort weggebracht und in den sicheren Tod gefahren hat.

 

Buchcover (Foto: Julia Gilfert).
Buchcover (Foto: Julia Gilfert).

Nunmehr zehn Jahre nach Einweihung der Grauen Busse von Hoheisel und Knitz blicken jenes „bewegte Denkmal“ und seine Schöpfer und Unterstützer*innen auf eine nicht minder bewegte Geschichte zurück – höchste Zeit also, dieses besondere Denkmal mit einer Buchpublikation zu würdigen. Im Sommer 2017 ist nun also „Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit – Das Denkmal der Grauen Busse“, herausgegeben von Thomas Müller, Paul-Otto Schmidt-Michel und Franz Schwarzbauer, erschienen. 

So einmalig wie das Denkmal selbst ist auch die Zusammenstellung der Essays dieses interdisziplinären Sammelbandes. Die darin enthaltenen Beiträge gruppieren sich um drei Themenschwerpunkte. Der Großteil der Essays setzt sich mit medizin- und kulturhistorischen sowie erinnerungskulturellen Aspekten der NS-„Euthanasie“-Morde auseinander. Zwei Beiträge erörtern die Frage nach möglichen literarischen Annäherungen an die Verbrechen der Nationalsozialisten, ohne sich dabei jedoch explizit auf die NS-Patientenmorde zu fokussieren. Die letzten vier Kapitel des Buches wiederum stellen eine Art Reisedokumentation dar, in deren Mittelpunkt der mobile Teil des Denkmals der Grauen Busse steht.

 

Mit Wissenschaftler*innen wie Prof. Dr. Michael von Cranach, Prof. Dr. h.c. Aleida Assmann oder Prof. Dr. Stefanie Endlich hochkarätig besetzt, bietet der vorliegende Band einen fundierten und umfassend recherchierten Überblick und kann für die Leser*innen sowohl Einführung als auch Vertiefung sein. Die einzelnen Essays stehen für sich selbst, sodass die Lektüre des einen nicht zwangsweise den Inhalt eines anderen voraussetzt, was das Gesamtwerk auch für Laien gut lesbar und verständlich macht. 

 

Die erste Annäherung an das Denkmal der Grauen Busse und dessen Rolle in der Erinnerungskultur an die NS-„Euthanasie“-Morde liefert mit Aleida Assmann direkt eine der führenden Persönlichkeiten der literatur- und kulturwissenschaftlichen Gedächtnisforschung. Das Denkmal der Grauen Busse sei „ein besonders eindrucksvolles Beispiel“ für eine neue Denkmalsform, die Assmann das „unfertige Denkmal“ nennt. Dieses löse Handlungen aus und führe zu „unerwarteten Folgehandlungen“, die sozusagen als Teil einer Dynamik „aus sich selbst heraus“ begriffen werden können. 

 

Die Literaturwissenschaftlerin Susanne C. Knittel befasst sich in einem ersten Teil ihres Essays mit dem Unheimlichen in der Geschichte. Ein weiterer Teil kreist um die Frage, warum das Verbrechen der NS-„Euthanasie“ so lange verdrängt werden konnte. In den letzten Abschnitten ihres umfassenden Beitrags diskutiert die Autorin am Beispiel Grafenecks die Funktion, die NS-(„Euthanasie“)-Gedenkstätten als Heterotopien (Michel Foucault), also als Gegenräume, einnehmen.

 

Wie es aussehen kann, wenn sich eine psychiatrische Klinik, die im Dritten Reich an den Mordaktionen beteiligt gewesen war, der eigenen Vergangenheit stellt, berichten die Mediziner Thomas Müller und Paul-Otto Schmidt-Michel. So begannen in Ravensburg-Weißenau, dem Ort, an dem der festinstallierte Graue Bus zu finden ist, in den 1980er-Jahren einige dort Beschäftigte, die Geschichte des Hauses zu erforschen. Die Autoren stellen in ihrem Artikel einige diesbezügliche Initiativen vor. 

 

Dass nicht nur in Ravensburg-Weißenau in den 1980er-Jahren Prozesse der Aufarbeitung und des erinnerungskulturellen Engagements einsetzten, weiß auch der Psychiater Michael von Cranach. In einem ebenso umfangreichen wie ehrlich-authentischen Beitrag gibt er Einblicke in seinen eigenen Werdegang als Psychiater mit Stationen in München, London und Kaufbeuren, der eng mit der Psychiatriereform der 1970er-Jahre verbunden ist. Sein Bericht endet – hochaktuell – mit der Gedenkstunde des Bundestages am 27. Januar 2017. 

 

In zwei aufeinander folgenden Beiträgen beleuchtet Mitherausgeber Paul-Otto Schmidt-Michel schließlich zwei weitere medizinhistorische Aspekte: Der Artikel „Post wohin?“ befasst sich mit Briefen von Angehörigen an Opfer der „Aktion T4“. Am Beispiel einer Deportation von 140 Patient*innen von Bedburg-Hau nach Zwiefalten zeigt der Autor, dass die Briefe ihre Empfänger*innen meist gar nicht erreichten und die Angehörigen im Unwissen oft noch lange nach dem Mord an ihren Verwandten Briefe und Päckchen an diese schickten. Das zahlreich abgedruckte Archivmaterial ist hier besonders hervorzuheben (wenngleich weniger in diesem Fall eventuell mehr gewesen wäre). 

 

Direkt im Anschluss an diesen Beitrag erörtert Paul-Otto Schmidt-Michel die Funktion der tatsächlichen Busse, mit denen die Patienten in Zwischen- oder Tötungsanstalten deportiert wurden, sowie die Entwicklung hin zu mobilen Gaswagen. Die nüchternen Erklärungen der eingesetzten Technik jener „Gaswagen“ und die Beschreibung von Einsatz und Einsatzgebieten ist dem Inhalt zwar angemessen, insgesamt aber erscheint dieser Artikel vor allem eine „informative Notwendigkeit“ im großen Ganzen der Thematik darzustellen.

 

Der Germanist Franz Schwarzbauer eröffnet mit seinem Essay „Zum Beispiel Götz und Meyer. Oder Dora Bruder. Von den Chancen literarischer Vergegenwärtigungen des Holocaust“ den zweiten Schwerpunkt des Sammelbandes. So stellt er am Beispiel der Romane „Götz und Meyer“ (David Albahari) und „Dora Bruder“ (Patrick Modiano) Methoden vor, mit denen auf wahren Begebenheiten basierende fiktionale Literatur arbeitet, um Authentizität zu erzeugen. Trotz seines Umfangs (mit 35 Seiten ohne Abbildungen der längste Beitrag des Buches) ist Schwarzbauers Essay sehr gut lesbar. Statt in einer Auseinandersetzung mit Kunst und Literatur nach dem Holocaust ein weiteres Mal Theodor W. Adorno zu bemühen, beschreitet der Autor erfreulicherweise neue Wege. So führt er etwa die Literaturwissenschaftlerin und Holocaustüberlebende Ruth Klüger an, die in einer ihrer Vorlesungen Geschichte als den „Stoff“ bezeichnet habe, „aus dem man das Kleid der Dichtung zusammenschneidern“ könne. Dass er sich mit Holocaust-Literatur und nicht mit literarischen Verarbeitungen der NS-„Euthanasie“-Morde befasst, ist die einzige Schwäche dieses fundierten Beitrags.

 

Der Beitrag des Literaturwissenschaftlers Cesare Giacobazzi befasst sich anhand des Beispiels „T4. Ophelias Garten“ von Pietro Floridia mit sprachlichen und ästhetischen Fragen an und von Holocaust-Literatur, droht damit aber aus mehreren Gründen hinter Schwarzbauers Ausführungen zu verschwinden. So kontrastieren die Essays nicht nur was den Umfang (Giacobazzis Beitrag umfasst nur 10 Seiten), sondern auch was die Qualität anbelangt. Giacobazzi versäumt, das von ihm untersuchte Werk vorzustellen, vermutlich, weil er das Wissen darum voraussetzt. Den meisten Leser*innen dürfte jedoch erst zum Schluss verständlich werden, dass sie es bei „T4. Ophelias Garten“ mit einem Theaterstück zu tun haben. Die Handlung jenes Stückes bleibt indes auch nach der Lektüre dieses stark theoretischen Artikels unklar. 

 

Mit zwei Essays, die sich dem Ort als definiertem Raum für kulturelle Praktiken widmen, schließen die Kunsthistorikerin Stefanie Endlich und der Judaist James E. Young den Kreis der geschichtlich orientierten Beiträge, indem sie erinnerungskulturelle und denkmalgestalterische Aspekte in den Vordergrund stellen. 

 

Stefanie Endlich greift mit dem Gedenk- und Informationsort an der Tiergartenstraße 4 in Berlin einen „schwierigen Ort“ (vgl. den Titel des Essays) auf. So führt sie in die Geschichte des Ortes und seine Funktion als Planungszentrale der nach ihm benannten Mordaktion „T4“ ein, erläutert aber auch den Prozess der Umgestaltung des Ortes zu einem Gedenk- und Informationsort. Die Neukonzeption des historischen Ortes wurde zwischen 2012 und 2014 im Rahmen eines Gestaltungswettbewerbs realisiert, für den auch Andreas Knitz und Horst Hoheisel einen Entwurf eingereicht hatten. 

 

Dies wiederum dient als direkte inhaltliche Brücke zu James E. Youngs Essay „Negativ-Orte und das Spiel mit dem Denkmal“, in dem der Autor einige Ideen und Arbeiten der beiden Künstler vorstellt und diskutiert. Hier sind vor allem die Begriffe des „Gegen-Monuments“ und des „Nicht-Denkmals“ von Interesse, die die Arbeiten von Knitz und Hoheisel charakterisieren, und die gleichermaßen einen Bogen zurück zu Aleida Assmanns Definition des „unfertigen Denkmals“ schlagen.

 

Den letzten Teil des Buches bildet eine Art Reisedokumentation, in der mit kurzen Texten über die unterschiedlichen Standorte des mobilen Grauen Busses berichtet wird. So bekommt man unter anderem Einblicke in die Aufenthalte des Busses in Berlin, Stuttgart und Heilbronn, erfährt etwas über die Geschichte der Diakonie im fränkischen Neuendettelsau und warum der Bus in Kassel, München und Poznan (Posen) war. 

Hierbei wird nicht nur die weitreichende Wirkung eines Denkmals deutlich, das eine Dynamik aus sich selbst heraus entwickelt (vgl. Assmann). Den Leser*innen wird auch eindrücklich vor Augen geführt, wie großflächig die NS-„Euthanasie“-Morde durchgeführt wurden – denn jeder Ort, an den der Bus gebracht wird, ist mit den Morden verknüpft. Zum Schluss der Dokumentation ergreifen schließlich die Künstler selbst das Wort, erläutern noch einmal in ihren Worten Idee, Entwicklung und Botschaft ihres Denkmals der Grauen Busse. 

 

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Zusammenfassend ist diese Publikation jedem Menschen ans Herz zu legen, der sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus befasst bzw. (nachwirkend) von ihr betroffen ist. Sowohl Laien als auch (Nachwuchs)Wissenschaftler*innen aus den verschiedensten Disziplinen werden hier wertvolle Anregungen und fundiertes Hintergrundwissen gleichermaßen finden. Als angehende Kulturanthropologin musste ich zwar feststellen, dass leider niemand aus „meinem“ Fachgebiet unter den Autor*innen zu finden ist. Dies ist jedoch nur ein kleiner Wermutstropfen angesichts der oft über den Tellerrand der eigenen Disziplin hinaus blickenden Beiträge.

 

Dass der letzte Teil des Buches auch gut an einleitender Stelle hätte stehen können, ist vermutlich eher eine Frage des eigenen Gliederungsbedürfnisses und nicht zuletzt: des Geschmacks. Dem Verständnis der vorangestellten Essays ist dadurch kein Abbruch getan, dass die Künstler nicht das erste, sondern (durchaus verdientermaßen) das letzte Wort dieses Sammelbandes haben. Und so sollen sie auch hier nun das letzte Wort haben, um das zu tun, was Künstler nun einmal gerne tun: Zum Nachdenken anregen. 

 

 

„Erinnerung ist ein Prozess. Sie schafft Bilder, vergisst Bilder, verändert sich ständig, ist immer in Bewegung. Wahrscheinlich wollen wir sie deshalb so gerne in unbewegliche, feststehende Monumente aus Stein und Bronze bannen und für die Ewigkeit dort fixieren.“

 

(Horst Hoheisel und Andreas Knitz)

 

 


 

Thomas Müller, Paul-Otto Schmidt-Michel und Franz Schwarzbauer (Hrg.):

Vergangen? Spurensuche und Erinnerungsarbeit – Das Denkmal der Grauen Busse. 

Mit Zeichnungen von Horst Hoheisel.

 

Das Buch hat 279 Seiten und ist im Juni 2017 als gebundenes Buch im Verlag Psychiatrie und Geschichte (Zwiefalten) erschienen.

 

Bestellbar direkt beim ZfP Südwürttemberg.

 

 

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Spaziergang zu einem vergessenen Ort: Der Gedenkort "Alter Anstaltsfriedhof" in Berlin-Reinickendorf

Es geht bereits auf 20 Uhr zu, als ich an einem schwül-warmen Abend im Juni am Rathaus Berlin-Reinickendorf aus dem Bus steige. Ruth Orland wartet schon auf mich, entspannt sitzt sie im Haltestellenhäuschen. Ich bin zu spät, weil ein Bus ausgefallen ist. "Das ist Berlin", sagt sie nur und grinst. Unser Treffen ist schon lange angedacht gewesen, und wir beide sind froh, dass es nun endlich klappt. Denn, was Ruth mir zeigen möchte, liegt ihr sehr am Herzen – und mir auch. 

 

Seit den späten 1980er Jahren setzt sich ihre Mutter, die Pfarrerin Irmela Orland, unermüdlich dafür ein, dass die Reinickendorfer bzw. Wittenauer Opfer der NS-„Euthanasie“ nicht vergessen werden, dass die diesbezügliche Geschichte des Ortes aufgearbeitet und sichtbar wird. 2006 stieg Ruth mit in die Initiative ihrer Mutter ein, zusammen riefen sie im Sommer 2014 den Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof ins Leben. Der Hintergrund des Engagements von Mutter und Tochter: Zwischen 1933 und 1945 wurden in den damaligen Wittenauer Heilstätten Tausende von Menschen Opfer von Zwangssterilisation und Patientenmorden. In der sogenannten „Kinderfachabteilung Wiesengrund“ wurden zudem Kinder gequält und ermordet. Und dort beginnt auch unser Weg an diesem Abend. 

Früher Mordanstalt, heute Bezirksamt. (Foto: J. Frick)
Früher Mordanstalt, heute Bezirksamt. (Foto: J. Frick)

In den beiden historischen Gebäuden direkt gegenüber des Rathauses, in denen im Dritten Reich eine von zahlreichen „Kinderfachabteilungen“ war, befindet sich heute ein Teil des Bezirksamts Berlin-Reinickendorf. Auch lange nach 1945, erzählt mir Ruth, wurde dort noch eine psychiatrische Klinik betrieben. Seit 2013 befindet sich im Keller des einen Gebäudes ein „Geschichtslabor“, in dem Schulklassen zum Thema NS-„Euthanasie“ arbeiten können.

Vor den Häusern sind an zwei verschiedenen Stellen insgesamt sieben Stolpersteine in den Gehweg eingelassen. Sie erinnern an Paul Höhlmann (1927-42), Werner Burthz (1929-42), Dagmar Ullrich (1941-43) und Erich Korepka (1941-43), an Sigrid Röhling (1941-43), Manfred Röglin (1941-43) und Dieter Ziegler (1940-43). 

Stolpersteine erinnern an ermordete Kinder. Außerdem ist an einem der Gebäude eine Gedenkplatte angebracht (Fotos per Klick vergrößerbar). (Fotos: J. Frick)
Stolpersteine erinnern an ermordete Kinder. Außerdem ist an einem der Gebäude eine Gedenkplatte angebracht (Fotos per Klick vergrößerbar). (Fotos: J. Frick)

Wir kehren um und laufen in Richtung der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik. Als wir uns am Hintereingang des Klinikgeländes befinden, sagt Ruth: „Hier frage ich dann immer die Leute, ob sie mir sagen können, wo der Friedhof ist“, und ich ahne, worauf sie hinaus will. Auf dem Lageplan der Klinik ist weder ein Friedhof verzeichnet, noch findet sich ein Hinweis zur Ausstellung „totgeschwiegen“, die sich in einem der Häuser auf dem Gelände befindet. 

Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof? Fehlanzeige. (Foto: J. Frick)
Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof? Fehlanzeige. (Foto: J. Frick)

Während wir im Dämmerlicht das Gelände betreten, erzählt mir Ruth, dass in den Wittenauer Heilstätten damals insgesamt 4.607 Patienten gestorben seien. Und jetzt, sagt sie, stünden die Gebäude zum Großteil leer, da der Träger der Klinik das alles in drei Jahren eh verkaufe.

"Hier, das war das Direktorenwohnhaus", sagt Ruth und zeigt auf einen massiven Klinkerbau. "Schön mit Blick auf die Trauerhalle", ergänzt sie trocken. Die Trauerhalle, so stellt sich heraus, ist das stattliche Gebäude rechts davon, dessen Portal bereits von Moos und Efeu eingenommen ist und das in diesem Zustand ebenso gut Schauplatz eines gotischen Schauerromans hätte sein können.

 

Überhaupt ist hier alles verwuchert, fällt mir plötzlich auf. Es herrscht eine seltsame Stimmung auf diesem Gelände, nicht nur, weil wir uns erst gegen 20 Uhr verabredet haben. Wären da nicht die vereinzelt parkenden Autos und hin und wieder ein Spaziergänger mit Hund, könnte man meinen, das Areal sei seit Jahren nicht betreten worden. Als ich erschrocken ein Schild bemerke, auf dem etwas von „Fotografieren verboten“ und „Videoüberwachung“ steht, schaut mich Ruth nur gelassen an. Ich könne unbesorgt sein, hier sei fast niemand mehr. "Das Pförtnerhäuschen", sagt sie, "ist seit 25 Jahren leer". Und auch ich realisiere langsam, dass hier niemand mehr auch nur irgendetwas überwacht - bis auf den Maßregelvollzug. Die meisten anderen Gebäude scheinen wirklich leer zu stehen.

Nur weiter hinten, in den sogenannten "Sternenhäusern", in unmittelbarer Nähe zum alten Anstaltsfriedhof, fährt Ruth fort als wir weiterlaufen, da seien Geflüchtete untergebracht. Und die würden sich immer freuen, wenn mal jemand vorbeikäme. Was sie vermutlich nicht wissen: Eines der Häuser, in dem sie Zuflucht finden konnten, ist noch immer nach einem „Euthanasie“-Arzt benannt.

 

"So, das ist der Friedhof", sagt Ruth schließlich und bleibt stehen. Sie schaut mich herausfordernd an, kann sich ein bitteres Schmunzeln nicht verkneifen. Auch ich halte an und schaue mich um. Rechts von uns grenzen kleine Gärten an das Klinikgelände, jemand grillt, eine Singdrossel macht sich lautstark bemerkbar. Gerade haben wir das Gebäude passiert, in dem die Geflüchteten leben, ein paar Kinder spielen dort noch an diesem lauen Sommerabend. Vor uns liegt ein Trampelpfad, der in ein dichtes Waldstück hineinführt. Das soll der Friedhof sein? 

Wirklich nur ein einsamer Trampelpfad im Wald? (Foto: J. Frick)
Wirklich nur ein einsamer Trampelpfad im Wald? (Foto: J. Frick)

"Siehst du", sagt Ruth und holt eine Kopie des Lageplans hervor, "wir sind jetzt da auf diesem Dreieck, das fehlt". Und sie zeigt auf die linke untere Ecke des Plans, in der es tatsächlich so aussieht, als habe man einfach einen Teil abgeschnitten.

Dann weist sie mich auf die Mauerreste links und rechts hin, und beginnt, mit dem Fuß auf dem Boden liegendes Laub zur Seite zu schieben. "Und hier", sagt sie fast ein wenig stolz, "sind die Verankerungen des ehemaligen Friedhofstores".

Ruth ist im Übrigen gelernte Friedhofsgärtnerin. Und mit jeder Minute, in der sie mir von der bewegten Geschichte dieses Ortes erzählt, werde ich mir sicherer: Das hier, das ist genau ihre Aufgabe. 

Erst, wenn man genauer hinsieht, erkennt man die alten Friedhofsmauern und die Reste des Portals (Fotos durch Klick vergrößerbar). (Fotos: J. Frick)
Erst, wenn man genauer hinsieht, erkennt man die alten Friedhofsmauern und die Reste des Portals (Fotos durch Klick vergrößerbar). (Fotos: J. Frick)

Es muss jetzt fast 21 Uhr sein, und langsam wird es dunkler. "Ich hoffe, du hast keine Angst?", vergewissert sich Ruth. Ich kann sie beruhigen. Angst habe ich wirklich keine. Aber mit jedem Schritt, den wir nun in den Wald hineingehen, wird das ganze Szenario unwirklicher, bedrückender. "Mindestens 2.000 Menschen liegen hier begraben", erzählt mir Ruth, als wir langsam den Pfad entlanggehen. Der Friedhof sei zu Beginn der NS-„Krankenmorde“ in mehrere Bereiche gegliedert worden - die linke Seite, so vermutet man, ist eine Reihe von Massengräbern. Ein Zeitzeuge, so Ruth, habe sich an Schilder erinnert, die die Jahre markierten: 1939, 1940, 1941... 

 

Eine der Patientinnen, die in den Wittenauer Heilstätten ermordet wurden, ist Else Gidius. Ihr Sohn, Paul Gidius, kommt noch immer regelmäßig aus seiner Wahlheimat Mannheim angereist, um seiner Mutter zu gedenken. Wie sie genau zu Tode kam, kann er bis heute nur vermuten. In einem Artikel der Reinickendorfer Allgemeine sagt Gidius: „Es hieß, als die Russen am 24. April 1945 die Wittenauer Heilstätten erreichten, herrschte dort das blanke Chaos, fehlte es an Essen, waren die Patienten durch gezielt reduzierte Nahrungsrationen tödlich geschwächt, ihnen teils Todesspritzen verabreicht worden“. So habe es jedenfalls ein Friedhofsarbeiter seinem Vater berichtet, als dieser 1947 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt sei.

 

Geschichten wie diese zeigen, dass es auch heute noch Menschen gibt, für die der Ort eine Bedeutung hat. Der alte Anstaltsfriedhof der ehemaligen Wittenauer Heilstätten, das wird mir hier klar, sollte ein Ort der würdevollen Trauer und des Gedenkens, ein Ort der historischen Bildung sein. Denn er ist das, was man einen authentischen Ort nennt. Doch die Zukunft des verwilderten Geländes ist ungewiss.

Links und rechts des Friedhofs befinden sich Reihenhausgärten, die teilweise von den Bewohnern über die Grundstücksgrenzen hinaus genutzt werden. Ob sie wissen, wo das Trampolin ihrer Kinder steht? Ein Gedanke, der es flau werden lässt in meiner Magengegend.

Als wir den Haupteingang des Klinikgeländes erreichen, geht gerade die Straßenbeleuchtung an und taucht die verlassenen Wege in schummriges Licht. Vor uns liegt Berlin an einem Sommerabend. Und hinter uns liegt ein Abendspaziergang, den ich so schnell nicht vergessen werde. Ein Spaziergang zu einem vergessenen Ort. 

Auch am Haupteingang der Klinik findet man Stolpersteine und eine Gedenkplatte. Klara Amelie Fergue, Marie Albrecht, Martha Heinz und Johann Puchomirski sind vier von über 2.000 Patienten, die in Meseritz-Obrawalde ermordet wurden. (Fotos: J. Frick)
Auch am Haupteingang der Klinik findet man Stolpersteine und eine Gedenkplatte. Klara Amelie Fergue, Marie Albrecht, Martha Heinz und Johann Puchomirski sind vier von über 2.000 Patienten, die in Meseritz-Obrawalde ermordet wurden. (Fotos: J. Frick)

Das Schweigen brechen - Interviews mit Nachfahren von NS-'Euthanasie'-Opfern

Immer mehr Angehörige von Menschen, die zwischen 1939 und 1945 Opfer der NS-'Euthanasie'-Morde wurden, stellen Fragen, beginnen zu recherchieren, machen sich auf die Suche nach Antworten: Was ist mit meiner Großmutter, meinem Onkel, meiner Großtante geschehen? Nicht selten spüren sie - manche ganz plötzlich, andere schon ihr Leben lang -, dass etwas in der Familienhistorie nicht stimmig ist. Manche von ihnen stecken selbst in einer Lebenskrise oder haben eine ebensolche überwunden. Andere finden nach dem Tod eines Elternteils Dokumente, von denen über Jahrzehnte hinweg niemand etwas wusste oder wissen wollte.



'Euthanasie'-Opfer im Fokus der Gedenkstunde

Am 27. Januar, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wird im Jahr 2017 zum ersten Mal die Gruppe der 'Euthanasie'-Opfer im Fokus der Gedenkstunde im Bundestag stehen.

Diese dringend notwendige Geste macht es zum einen möglich, die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf die Problematik von Ausgrenzung und Behindertenfeindlichkeit zu lenken. Zum anderen wird der 27. Januar in diesem Jahr ein weiteres deutliches Zeichen dafür sein, dass wir die Opfer der NS-Krankenmorde nicht vergessen dürfen, ja, dass die Aufarbeitung ihrer Schicksale gerade erst begonnen hat.

Die Menschen hinter den Forschungen

Ich möchte den Schwerpunkt des diesjährigen Gedenktages zum Anlass nehmen, eine Interview-Reihe zu beginnen. Dazu werde ich im Blog von Gedenkort T4 jeden Monat eine Person vorstellen, die zum Schicksal eines Vorfahren forscht. Was treibt diese Menschen an? Wo haben sie begonnen? Was konnten sie herausfinden? Und was haben die Nachforschungen in ihrem Umfeld und nicht zuletzt in ihnen selbst ausgelöst? 

Fragen wie diesen möchte ich gemeinsam mit anderen Angehörigen nachgehen, um die Menschen hinter den Forschungen kennenzulernen und ihr Engagement zu würdigen. (Bild: J. Frick)


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Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk

Es gibt sie, diese Momente, in denen ich altbekannte Dinge - auf einmal und ohne logische Erklärung - mit anderen Augen sehe. Und so schweifte mein Blick in diesem Jahr am 2. Weihnachtstag nach dem Abendessen durch das Wohnzimmer meiner Eltern, während ich den Gesprächen lauschte, und blieb an dem alten Schaukasten mit den Taschenuhren hängen.

Er hängt dort, seit ich denken kann. Hinter der Glasscheibe mit dem ovalen Holzrahmen befinden sich fünf alte Taschenuhren auf dunkelrotem Samt. Woher sie stammen, wem sie einmal gehörten – Fragen wie diese hatte ich mir bis zu jener Sekunde nie gestellt. Und ich würde sie mir wohl auch weiterhin nicht stellen müssen, zumindest was eine von ihnen anging. Denn mit einem Mal war ich mir sicher, dass eine dieser Uhren meinem Opa Walter gehört hatte. Sekundenlang starrte ich auf den Kasten und meine Fingerspitzen begannen zu kribbeln.

 

Als der Essenstisch abgeräumt war, ging ich zielstrebig auf den Kasten zu und nahm ihn von der Wand. Nacheinander holte ich die Uhren heraus und öffnete sie vorsichtig. Dabei wusste ich genau, was ich suchte: Gravuren, Initialen, Inschriften. Denn mein Opa hatte die dankenswerte Eigenschaft, einige seiner liebsten Dinge mit seinem Namen zu versehen.

 

Und tatsächlich, ich sollte nicht enttäuscht werden. Die letzte Uhr offenbarte mir die folgenden Zeilen:


Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk (das Bild ist durch Klick vergrößerbar).
Ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk (das Bild ist durch Klick vergrößerbar).

"Gebrüder Escales in Zweibrücken zur Erinnerung an das Fabrikjubiläum 1851 - 1. April 1901 ihrem Weber J. Frick" ist auf die Innenseite der Uhr kunstvoll eingraviert. Und wenige Zentimeter darüber steht in zackiger Handschrift, ganz unscheinbar und nur im richtigen Licht zu lesen - W. Frick. 


Drei Generationen Frick: Walter mit seinem Vater Hugo und seinem Großvater Jakob um 1911.
Drei Generationen Frick: Walter mit seinem Vater Hugo und seinem Großvater Jakob um 1911.

Jakob Frick war mein Ururgroßvater und arbeitete als Weber in Zweibrücken. Ob am Ende des Kettchens auf dem Foto wohl jene Uhr hing? Walter hatte sie von seinem Großvater geerbt, und nun habe ich sie von meinem Großvater geerbt. Das ist zweifelsohne ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk - vielleicht das schönste, das ich jemals bekommen habe.

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Sonderausgabe: aus taz.dietageszeitung wurde taz.mitbehinderung!

Gestern lag in den Läden und Briefkästen eine ganz besondere Ausgabe der Tageszeitung taz - die taz.mitbehinderung! Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember wurde die taz im Rahmen einer freundlichen Übernahme ausschließlich von Autor_innen mit Behinderungen, psychischen oder geistigen Einschränkungen und chronischen Erkrankungen gestaltet! Ich bin stolz und glücklich, ein Teil dieser Community sein zu dürfen und kann Ihnen hier nun meinen Artikel präsentieren. Denn auch die Aufarbeitung der NS-'Euthanasie' ist ein hochaktuelles Thema und geht uns alle etwas an. 


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